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Wenn ein linker Verteidiger zweimal trifft, weiß man: Es war kein gewöhnlicher Fußballabend. Beim 17. Spieltag der 1. Liga Deutschland besiegte der SC Hamburg die Kickers Wiedenbrück mit 3:2 (3:1) - und tat das, obwohl die Gastgeber mehr Ballbesitz (53,7 %) und fast dreimal so viele Torschüsse (14 zu 5) hatten. Aber Statistik gewinnt keine Spiele, Tore schon - und die schoss ausgerechnet ein Mann, der normalerweise lieber grätscht als jubelt: Guillermo Pinto. Schon nach sieben Minuten schien Wiedenbrück den Anpfiff noch zu verschlafen. Pinto, der sich nach einem Doppelpass mit Innenverteidiger Alf Ibsen nach vorne wagte, donnerte den Ball aus 20 Metern halbhoch ins Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der 27-Jährige später, "aber dann dachte ich, warum nicht mal draufhalten?" Trainer Tim Engel vom SC Hamburg lachte nur: "Wenn mein Linksverteidiger Tore schießt, ist das entweder Genie oder Wahnsinn - heute war’s wohl beides." Und kaum hatte sich Wiedenbrück von dem frühen Schock erholt, rappelte es wieder. Diesmal war es Ibsen selbst, der nach einer Ecke in der 16. Minute zum 0:2 einköpfte. Zwei Verteidiger, zwei Tore - das Publikum im ausverkauften Stadion (44.577 Zuschauer) rieb sich die Augen. Wiedenbrücks Trainer Dexter Morgan rief seinen Spielern lautstark zu: "Leute, das sind keine Stürmer!", doch es half wenig. Erst in der 35. Minute kam wieder Hoffnung auf, als der junge Carsten Eckert nach feinem Pass von Charles Carter zum 1:2 traf. Das Stadion erwachte, die Kickers drückten. Doch mitten in die beste Phase hinein setzte Pinto erneut einen Stachel: In der 38. Minute startete er mit einem Sprint über den halben Platz, bekam den Ball von Rechtsverteidiger Harrison Ramsay und versenkte ihn trocken ins kurze Eck - 1:3. "Ich hab ihm gesagt, heute bist du unser Stürmer", verriet Ramsay später lachend. "Und er hat’s wohl ein bisschen zu ernst genommen." Nach der Pause zeigte Wiedenbrück Moral. Dexter Morgan, sonst für seine kühle Art bekannt, peitschte seine Spieler mit fast unheimlicher Energie nach vorne. "Wir haben nichts mehr zu verlieren, außer das Spiel", soll er in der Kabine gesagt haben. Die Kickers kamen mit Wut und Wucht zurück, kombinierten gefällig, schossen aus allen Lagen - Eduardo Gutierre war der auffälligste Mann. Der 31-jährige Mittelstürmer belohnte sich in der 58. Minute mit dem Anschlusstreffer zum 2:3, nach schöner Vorarbeit von Linksverteidiger Rhys Cumming. Was folgte, war ein Sturmlauf in Blau-Weiß. Hofer, Garcez, nochmal Gutierre - Wiedenbrück feuerte alles aufs Tor, was Beine hatte. Die Statistik listet 14 Abschlüsse, aber Hamburgs Keeper Nevio Bermudo parierte, was kam. In der 84. Minute kratzte er sogar einen Schuss von Jacinto Garcez mit den Fingerspitzen aus dem Winkel. "Ich hab kurz überlegt, ob ich die Hände wegziehe - aber dann dachte ich, das gibt Ärger mit dem Trainer", witzelte Bermudo nach Abpfiff. Hamburg dagegen beschränkte sich auf das Nötigste. Ein letzter Konter in der 89. Minute durch Maurizio Torre di Ruggiero hätte fast noch das 4:2 gebracht, doch Wiedenbrücks Ersatzkeeper Leon Ludwig - gerade erst in der 90. Minute für den Routinier Samuel Jones eingewechselt - hielt stark. "Ich wollte wenigstens einen Ball halten, sonst denken alle, ich bin nur zum Händeschütteln da", grinste der Debütant. Am Ende jubelte der SC Hamburg über drei Punkte, die so recht keiner erwartet hatte. "Wir waren effizient wie ein Schweizer Uhrwerk", kommentierte Coach Engel nüchtern. "Fünf Schüsse, drei Tore - das ist schon fast unhöflich." Sein Gegenüber Morgan dagegen stapfte mit hängenden Schultern vom Platz: "Wenn man mehr schießt und trotzdem verliert, sollte man vielleicht mal über das Zielwasser nachdenken." Fazit: Wiedenbrück zeigte Herz, Hamburg zeigte Kaltschnäuzigkeit. Und Guillermo Pinto bewies, dass manchmal der beste Stürmer hinten links steht. Vielleicht war es einfach so ein Abend, an dem Fußball seine eigenen Gesetze schreibt: Der Außenseiter trifft, der Favorit verzweifelt - und ein Verteidiger wird zum Helden. Oder, wie Pinto es zum Abschied sagte: "Ich treffe sonst nur die Latte. Heute halt das Tor." Die Fans gingen kopfschüttelnd, aber nicht unzufrieden. Denn wer 90 Minuten lang Drama, Tore und Humor bekommt, hat sein Eintrittsgeld wertvoller investiert als in manch einem Kinobesuch. 23.07.643987 07:40 |
Sprücheklopfer
Die Türken haben gezeigt, dass man, egal bei welchem Spielstand, immer mit ihnen rechnen kann. Das macht sie natürlich unberechenbar.
Jogi Löw