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Das Volksparkstadion bebte - wieder einmal. 76.846 Zuschauer erlebten an diesem kalten Februarabend ein Spiel, das sinnbildlich für die Saison des SC Hamburg steht: viel Herz, noch mehr Chaos und am Ende ein Punkt, der sich gleichzeitig wie Sieg und Niederlage anfühlt. Gegen den aufmüpfigen SC Norderstedt reichte es nach 90 intensiven Minuten zu einem 2:2, das wohl beiden Trainern graue Haare bescheren wird. Schon in der 26. Minute schlug Norderstedt zu - und das ausgerechnet durch einen Mann, den man eigentlich in der Defensive verortet hätte. Marcel Celine, zentraler Mittelfeldmotor und gefühlt überall auf dem Platz, zog nach Pass von Innenverteidiger Christian Maurice trocken ab. "Ich hab den Ball perfekt getroffen - und dann dachte ich: Wenn der nicht reingeht, hör ich auf", grinste Celine später. Der Ball landete im Netz, Hamburgs Torhüter Nevio Bermudo sah dabei eher aus wie jemand, der gerade an den Sommerurlaub denkt. Bis zur Pause passierte dann das, was man in Hamburg kennt: guter Wille, wenig Ertrag. Zehn Torschüsse verbuchten die Hausherren insgesamt, viele davon aus der Kategorie "optimistisch". Nestor Caballero prüfte den Keeper mehrfach, Peter Bender zirkelte knapp vorbei - aber das Tor blieb wie vernagelt. "Wir haben eigentlich gar nicht so schlecht gespielt", meinte Trainer Tim Engel, "aber wir hätten auch drei Stunden weiterspielen können, und der Ball wäre trotzdem nicht drin gewesen." Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild schlagartig. Kaum war der zweite Durchgang angepfiffen, flankte Marc Doreste von rechts, und Caballero drosch das Leder in der 49. Minute humorlos ins Eck. 1:1, und plötzlich war das Stadion wach. "Ich wollte einfach zeigen, dass wir leben", sagte der Argentinier später - und man nahm es ihm ab. Doch Norderstedt hatte andere Pläne. Nur 17 Minuten später konterte der Gast eiskalt. Marcio Perales, der schon die rechte Seite rauf und runter gepflügt war, legte clever quer, und Robert MacNeill schob zum 2:1 ein (66.). Engel schlug die Hände vors Gesicht, während sein Gegenüber Andre Marsmann sich zu einem fast britisch unterkühlten Jubel hinreißen ließ. "Wir wollten Hamburg nicht nur ärgern, wir wollten sie schlagen", sagte Marsmann nach dem Spiel. "Leider hat die Uhr am Ende nicht mitgespielt." Denn Hamburg gab sich nicht geschlagen. Engel brachte frische Kräfte - den 18-jährigen Samuel Callahan, den Routinier Olaf Wagner, und natürlich den jungen Jacinto Viqueira, der prompt in der 74. Minute Gelb sah, weil er meinte, der Schiedsrichter brauche mal wieder ein Gesprächsthema. "Ich hab nur laut geatmet", erklärte Viqueira mit unschuldigem Blick. Dann die 82. Minute: ein wilder Angriff, eine Flanke aus dem Halbfeld, ein Durcheinander im Strafraum - und plötzlich war Angelo Sala da. Der 23-Jährige stocherte den Ball über die Linie, während Norderstedts Torwart Diego Frechaut sich noch über die Grätsche seines eigenen Verteidigers wunderte. 2:2! Der Lärm im Stadion erreichte Stadionneubau-Niveau. Die letzten Minuten gehörten wieder den Gästen. Norderstedt feuerte aus allen Lagen - insgesamt 18 Schüsse aufs Tor -, aber Hamburgs Defensive hielt. Alf Ibsen klärte in der 81. Minute mit dem Mut eines Mannes, der wusste, dass er sonst morgen in der Zeitung steht. Statistisch war das Spiel ein Musterbeispiel für Ausgeglichenheit: Hamburg leicht mehr Ballbesitz (50,9 %), Norderstedt mehr Zug zum Tor. Die Zweikampfquote sprach für die Gäste (52,9 %), was man spätestens merkte, als Hamburgs Mittelfeld plötzlich mehr Gras im Gesicht als Ball am Fuß hatte. Nach Abpfiff stand Trainer Engel mit verschränkten Armen an der Seitenlinie. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr so kämpft, verzeih ich euch sogar die Fehlpässe. Nur vielleicht nicht alle", lachte er. Marsmann dagegen knurrte: "Wir haben zwei Punkte verschenkt. Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass wir auch auswärts Tore schießen können, ohne uns zu bekreuzigen." Und so blieb es bei einem 2:2, das niemandem so richtig schmeckt, aber beiden Teams irgendwie gerecht wird. Hamburg bleibt damit im Niemandsland der Tabelle, Norderstedt schielt weiter auf die obere Hälfte. Als die Flutlichter erloschen, sah man Caballero noch einmal in Richtung Kurve winken. "Wir hätten gewinnen können", rief er, "aber wenigstens war’s kein 0:0." Das Publikum applaudierte, halb erleichtert, halb resigniert. Ein Spiel, das man nicht so schnell vergisst - und gleichzeitig eines, das man schon hundertmal gesehen hat. Nur in Hamburg kann ein Unentschieden so laut klingen. 02.04.643990 02:49 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts