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Es war ein Pokalabend, wie man ihn sich in Norderstedt erhofft hatte - zumindest bis zur 55. Minute. 72.132 Zuschauer füllten das Stadion bis auf den letzten Platz, die Heimmannschaft legte los wie die Feuerwehr, und am Ende stand doch wieder der Gast jubelnd da: Der SC Hamburg zieht mit einem 3:2 (2:1) gegen den SC Norderstedt ins Halbfinale des Pokals ein. Schon in den ersten Minuten war klar, dass Trainer Andre Marsmann seine Elf auf Angriff gebürstet hatte. Offensiv, aggressiv, mit starkem Pressing - Norderstedt rannte, grätschte und kombinierte, als ginge es um mehr als nur ein Fußballspiel. "Wir wollten zeigen, dass wir keine Statisten sind", knurrte Marsmann nach Abpfiff, der sichtbar um Fassung rang. Doch Fußball schreibt bekanntlich seine eigenen, manchmal grausamen Drehbücher. In der 23. Minute stach Hamburg eiskalt zu: Maurizio Torre di Ruggiero, der bullige Mittelstürmer mit dem Namen eines Operntenors, vollendete nach feinem Pass von Jack Chevallier zum 0:1. Es war Hamburgs erster ernstzunehmender Angriff - und gleich ein Treffer. Norderstedt ließ sich davon nicht beirren. Filip Lindström, der schwedische Wirbelwind auf der linken Seite, war an diesem Abend in Dauerbewegung. Nach mehreren vergebenen Chancen traf er in der 36. Minute endlich ins Schwarze - nach Vorlage des aufgerückten Innenverteidigers Marc Savard. 1:1, der Pokalabend lebte. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Lindström später, "und diesmal ging er rein. Vielleicht, weil ich vorher aufgehört habe, nachzudenken." Doch kaum hatten sich die Fans beruhigt, traf Hamburg erneut. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte nutzte der junge Angelo Sala eine Unachtsamkeit in der Norderstedter Abwehr - Marc Doreste hatte ihn perfekt bedient - und schob lässig zum 1:2 ein. Trainer Tim Engel, sonst eher der stoische Typ, sprang an der Seitenlinie auf und pumpte die Faust. "Der Junge hat’s brutal drauf", sagte er später über Sala, "und er hört mir manchmal sogar zu." Nach der Pause startete Norderstedt wütend. Serge Henderson sah in der 47. Minute Gelb - die Emotionen kochten. Doch die Gastgeber wurden belohnt: Wieder war es Lindström, der in der 51. Minute zum 2:2 traf, diesmal nach einer butterweichen Flanke von Kahraman Bikmaz. Das Stadion explodierte, Marsmann ballte die Fäuste, und selbst die Ersatzspieler hüpften an der Seitenlinie. Wer aber glaubte, das Momentum sei jetzt endgültig auf Seiten der Hausherren, wurde eines Besseren belehrt. Nur vier Minuten später schlug Hamburg erneut zu - und wieder hieß der Vollstrecker Torre di Ruggiero. Nach einem schnellen Angriff über rechts flankte Doreste mustergültig, und der Italiener nickte unhaltbar zum 2:3 ein. "Das war wie aus dem Lehrbuch", meinte Hamburgs Kapitän Leonidas Mitroglou, "nur dass wir das Lehrbuch eigentlich nie gelesen haben." Danach war es ein Spiel auf ein Tor - das Hamburger. Norderstedt feuerte aus allen Lagen, insgesamt 22 Torschüsse standen am Ende zu Buche, Hamburg kam auf gerade einmal sechs. Ballbesitz 52 zu 48 Prozent, Zweikampfquote klar bei den Gastgebern - und trotzdem jubelten die anderen. Hamburg verteidigte leidenschaftlich, Torwart Nevio Bermudo wuchs über sich hinaus und fischte in der 84. Minute sogar einen Vollspannkracher von Alex Botin aus dem Winkel. In der Schlussphase warf Marsmann alles nach vorne. In der 90. Minute kamen Jose Djalo und Lewis Bancroft - frische Beine, neue Hoffnung. Doch der Fußballgott hatte offenbar andere Pläne. Selbst als Lindström in der Nachspielzeit noch einmal freistehend abzog, blieb Bermudo die Wand, an der alle Träume zerschellten. "Ich hab einfach versucht, groß zu wirken", sagte der Keeper lachend. "Mit meinen 1,83 ist das nicht leicht, aber heute hat’s gereicht." Nach Abpfiff lagen die Norderstedter Spieler erschöpft auf dem Rasen, während die Hamburger Fans auf den Rängen "Halbfinale!" skandierten. Trainer Engel nahm’s sportlich: "Wir haben das Glück gehabt, das man braucht. Und einen Maurizio, der offenbar keine Nerven kennt." Marsmann dagegen schüttelte nur den Kopf: "22 Torschüsse, zwei Tore - das ist wie ein Mathetest, bei dem du alles weißt, aber am Ende die falsche Zahl hinschreibst." So bleibt Hamburg im Pokalrennen, während Norderstedt den Abend wohl noch lange in Erinnerung behalten wird - als das Spiel, in dem sie alles gaben und trotzdem ausschieden. Und irgendwo im Kabinengang hört man Lindström murmeln: "Wenn der Pokal nach Schönheit vergeben würde, wären wir weiter." Ein Satz, der vielleicht alles sagt. 04.11.643987 07:38 |
Sprücheklopfer
Das ist Wahnsinn! Da gibt's Spieler im Team, die laufen noch weniger als ich!
Toni Polster nach einer Niederlage