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Was für ein Abend im Ernst-Happel-Stadion! 38.058 Zuschauer erlebten ein Spiel, das in zwei völlig verschiedene Hälften zerfiel - die erste gehörte Grün-Weiß Wien, die zweite dem SV Waidhofen, der sich mit einer furiosen Aufholjagd einen 4:2-Auswärtssieg sicherte. Und das nach einem 0:2-Pausenrückstand. Es war ein Fußballmärchen mit Wiener Tragik und Waidhofener Wucht. Schon nach zwölf Minuten durfte Wien jubeln: Der 20-jährige Nico Mai traf nach einem weiten Ball von Innenverteidiger Johannes Sonnenschein - ja, richtig gelesen, der 17-jährige Abwehrspieler mit dem klingenden Namen "Sonnenschein" leitete das 1:0 ein. "Ich hab einfach nach vorne gedroschen, und Nico hat was Schönes draus gemacht", grinste der Teenager später. Grün-Weiß spielte in dieser Phase wie entfesselt. Trainer Flo Ho hatte seine Elf offensiv eingestellt, und Waidhofen wirkte überrascht, beinahe höflich defensiv. Nach 36 Minuten folgte das 2:0: Jörg Moser vollendete einen Angriff über die rechte Seite, vorbereitet von Gustav Roth. Die Fans sangen, die Sonne ging unter, und in Wien roch es nach einem gemütlichen Heimsieg. "In der Pause hab ich mich gefragt, ob meine Spieler vielleicht noch im Bus sitzen", gab Waidhofen-Coach Brigitte Temmel später schmunzelnd zu. Was auch immer sie gesagt hat - es muss Wirkung gezeigt haben. Denn kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, stand es 2:1: Gerard Beyince, der wendige Linksaußen, setzte sich auf seiner Seite durch und traf in der 48. Minute nach Pass von Sebastian Ludwig. Ab da war die Partie wie ausgewechselt. Wien verlor die Kontrolle, Waidhofen gewann jede zweite Kugel. In der 63. Minute belohnte sich Fynn Schneider mit dem Ausgleich - ein satter Schuss aus 18 Metern, und plötzlich war das Stadion still. Die Statistik zeigt es deutlich: 20 Torschüsse der Gäste, nur 12 der Hausherren, 53 Prozent Ballbesitz für Waidhofen. Dann kam die Show des Sebastian Ludwig. Der Kapitän, sonst der ruhige Taktgeber im Mittelfeld, drehte auf wie ein Rockstar. In der 72. Minute knallte er eine Hereingabe von Verteidiger Santiago Yanez unter die Latte - 2:3. Und kaum hatten die Wiener sich davon erholt, machte Ludwig in der 75. Minute mit seinem zweiten Treffer alles klar. Diesmal nach Vorarbeit von Beyince. "Ich dachte, ich träume", lachte Ludwig nach Schlusspfiff. "Vier Tore auswärts - das ist ja fast unhöflich!" Wien-Coach Flo Ho hingegen war weniger amüsiert. "Wir haben nach der Pause aufgehört, Fußball zu spielen. Ich weiß nicht, ob jemand den Stecker gezogen hat oder ob die Jungs dachten, das war schon der Abpfiff", sagte er mit bitterem Lächeln. Tatsächlich ließ seine Mannschaft in der zweiten Hälfte kaum noch Struktur erkennen. Zwar probierte es Nico Mai mehrfach mit Distanzschüssen (in der 51. und 53. Minute), doch Torwart Rui Costinha im Waidhofen-Kasten parierte souverän. Ein besonders kurioser Moment ereignete sich in der 70. Minute: Als Ludwig vor seinem ersten Treffer den Ball stoppte, rief ein Wiener Fan von der Tribüne: "Der kann ja gar nicht schießen!" Ludwig drehte sich nach seinem Tor nur kurz zur Kurve um und hob entschuldigend die Hände - Staunen und Schweigen waren die Antwort. Nach dem Abpfiff tanzten die Waidhofener Spieler ausgelassen vor ihrem Fanblock. Trainerin Temmel fasste es trocken zusammen: "Manchmal muss man erst zwei Ohrfeigen kriegen, um aufzuwachen." Ihre Mannschaft hatte nicht nur Moral gezeigt, sondern auch taktische Disziplin: ausgewogen, geduldig, und dann gnadenlos effizient. Grün-Weiß Wien dagegen steht ratlos da. Zwei Tore Vorsprung, zuhause, und dann vier Gegentreffer in 30 Minuten - das hat in der 1. Liga Österreich Seltenheitswert. "Vielleicht sollten wir künftig nach 45 Minuten abpfeifen", murmelte Kapitän Heinz Wimmer halb im Scherz, halb im Frust. Ein Spiel, das in die Lehrbücher eingehen dürfte - als Paradebeispiel dafür, dass Fußball ein Spiel der zweiten Hälfte ist. Waidhofen zeigte Herz, Cleverness und den Mut, einfach weiterzumachen. Und Wien? Die müssen sich an den Gedanken gewöhnen, dass Sonnenschein nicht ewig scheint. 22.08.643993 12:58 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
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