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Ein lauer Abend, 47.400 Zuschauer im Stadion, das Flutlicht brennt, und irgendwo zwischen tropischer Gelassenheit und jamaikanischer Leidenschaft beginnt die neue Saison der 1. Liga Jamaica. Greenstars GSC gegen Spanish Town - auf dem Papier ein Duell zweier offensiver Teams, in der Realität ein 1:1, das sich anfühlte wie ein Roman mit zu vielen Nebenschauplätzen. Die Greenstars legten los, als hätten sie die Winterpause im Fitnessstudio verbracht. Trainer Ostkurve Berlin - ja, der Mann heißt wirklich so - dirigierte seine Elf mit ausladenden Gesten, während seine Vorderleute den Ball elegant durch die Reihen laufen ließen. 55 Prozent Ballbesitz sprechen für sich, aber was Statistik selten zeigt: die unbändige Freude von Pedro Puerta, als er in der 29. Minute den Ball unter die Latte drosch. Der 32-jährige Mittelfeldmann hatte zuvor schon zwei Mal den Abschluss gesucht - diesmal passte alles. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Puerta nach dem Spiel. "Wenn du so eine Lücke siehst, darfst du nicht nachdenken. Denken ist was für die Halbzeit." Spanish Town, trainiert vom hitzköpfigen Ioannis Exis, wirkte zunächst überrascht vom forschen Auftritt der Gastgeber. Doch wer Exis kennt, weiß: ruhig bleiben ist nicht seine Stärke. Nach knapp einer halben Stunde schrie er seinen Stürmer Pedro da Costa an, "er solle sich benehmen wie ein Mittelstürmer, nicht wie ein Philosoph". Da Costa nickte, traf aber trotzdem nicht - fünf Mal zog er ab, fünf Mal ohne Erfolg. Die Gäste hatten insgesamt 16 Torschüsse - mehr als die Greenstars (11) -, doch die Präzision blieb auf der Strecke. Erst als der junge Didier Valentine in der 68. Minute nach einem butterweichen Pass von Linksverteidiger Sebastien Leachman aus kurzer Distanz einschob, war der Bann gebrochen. "Ich hab’s gar nicht richtig gesehen, der Ball war plötzlich einfach da", erklärte Valentine später und grinste verschmitzt. "Vielleicht war das Taktik - oder Glück. Ich nehm beides." Ab da wurde es wild. Gelbe Karten flogen wie Mückenschwärme über das Feld. Spanish Towns Henri Fairchild holte sich noch vor der Pause Gelb ab (44.), weil er offenbar vergessen hatte, dass Grätschen keine olympische Disziplin ist. Später folgten Max Amyot (78.) und Greenstars’ Innenverteidiger Thierry Gagnon (82.). Besonders Amyot machte auf sich aufmerksam - erst Einwechslung in der 70. Minute, dann Foul, dann Gelb, und in der 92. Minute schließlich Rot. "Er wollte nur den Rasen testen", kommentierte Trainer Exis trocken. "Leider mit den Stollen voraus." Taktisch blieb das Spiel ein Spiegelbild beider Trainerphilosophien: Greenstars offensiv, aber kontrolliert, Spanish Town mit vollem Risiko und gelegentlicher Selbstüberschätzung. Während Ostkurve Berlin seine Spieler mit "Sicherheit vor Spektakel" auf Kurs hielt, ließ Exis seine Männer "aus allen Lagen draufhalten". Das sorgte für reichlich Unterhaltung - und für Torwart Laurent Boulanger bei den Greenstars für Schweißausbrüche, bis er in der 89. Minute verletzt (?) oder vorsorglich ausgewechselt wurde. Jungkeeper Jay Dunn durfte noch ein paar Minuten Profiluft schnuppern und klärte gleich mal einen Fernschuss von Philippe Benoi, als wolle er sagen: "Ich bin da, Leute." In der Nachspielzeit kochten die Emotionen dann endgültig über. Amyots Platzverweis verschaffte den Greenstars noch einen letzten Freistoß, den Guy Larocque in der 91. Minute knapp über die Latte setzte. Danach war Schluss - und vielleicht war das auch gut so. "Ein Auftakt mit Wumms, aber ohne Sieger", bilanzierte Coach Berlin mit einem schiefen Lächeln. "Wenn du so spielst und trotzdem nur 1:1 holst, weißt du: Es gibt Arbeit." Sein Gegenüber Exis sah das ähnlich, aber mit mehr Pathos: "Wir haben gekämpft, gelitten, geschrien - das war Fußball. Jetzt müssen wir nur noch gewinnen lernen." Am Ende bleibt ein Spiel mit allem, was der Fußball liebt und fürchtet: Traumtor, Ausgleich, Kartenchaos und ein Schiedsrichter, der wohl auch froh war, als der Abpfiff ertönte. Greenstars GSC und Spanish Town teilen sich die Punkte - und vielleicht auch den Trost, dass diese Liga noch lang genug ist, um Wiedergutmachung zu betreiben. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions trocken meinte: "Wenn das der erste Spieltag war, brauch ich schon jetzt Urlaub." 22.02.643987 11:20 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn