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Es war einer dieser bitterkalten Januarabende in Greenock, an denen selbst der Nordseewind Mütze trägt - und trotzdem drängten sich 16.971 Zuschauer ins Stadion. Sie sollten für ihr Durchhaltevermögen reichlich belohnt werden: In einem wilden Spiel zwischen Greenock City und den Edinburgh Hibees siegten die Gäste am Ende mit 3:2 (0:1), obwohl sie zur Pause noch hinten lagen. Greenock-Coach Jürgen "Kloppo" Kloppo hatte seine Jungs, wie man ihn kennt, auf Attacke getrimmt. "Wir wollten zeigen, dass Offensivfußball auch im Regen funktioniert", grinste er später - halb stolz, halb resigniert. Und tatsächlich begann City mit ordentlich Schwung: Schon nach zwölf Minuten zirkelte Innenverteidiger Ralf Weber, der sich offenbar für höhere Aufgaben im Sturm empfahl, den Ball nach einer Ecke von Archie Barclay ins Netz. Ein klassisches "Tor des Willens", wie es in den Lehrbüchern steht - oder in Kneipengesprächen nach dem dritten Pint. Die erste Halbzeit gehörte den Hausherren. Leon MacBean, der blutjunge Mittelstürmer mit dem Gesicht eines Schulbuben und dem Selbstbewusstsein eines Altprofis, prüfte Keeper Callum MacArthur mehrfach. 11 Torschüsse insgesamt, fast 49 Prozent Ballbesitz - Greenock City hatte alles im Griff. Die Hibees wirkten lethargisch, fast höflich zurückhaltend, als wollten sie sich erst vergewissern, ob der Platz überhaupt bespielbar war. Doch nach dem Seitenwechsel kippte das Spiel. "Wir haben uns in der Kabine gesagt: Wenn wir schon hier sind, können wir auch Fußball spielen", erzählte Henry MacDougall später mit einem Schmunzeln. Der flügelflinke Linksaußen war es auch, der in der 57. Minute den Ausgleich erzielte - nach feinem Zuspiel von Routinier Tyler Galbraith. Greenock antwortete prompt: Nur sechs Minuten später staubte Leon MacBean zum 2:1 ab, nachdem Moshe Chouraqui über links alles niedergetrampelt hatte, was sich ihm in den Weg stellte. Das Stadion bebte, Kloppo rannte jubelnd die Seitenlinie entlang, und manch ein Fan wähnte sich schon auf dem Weg zur Siegesparty. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn er nicht am liebsten das Drehbuch zerreißen würde. In der 68. Minute schlug Galbraith zurück - diesmal als Torschütze. Nach einem abgefälschten Ball von Freddie Ogilvie stand der 33-Jährige goldrichtig und hämmerte den Ball in die Maschen. "Ich hab’s gar nicht richtig gesehen, ich hab einfach draufgehauen", gab er hinterher zu. Damit nicht genug: Zehn Minuten später sah Greenocks Jan Winchel Gelb, und die Partie kippte endgültig. Die Hibees witterten Blut - und Reece Buchanan, der rechte Flügelstürmer mit dem unverschämt breiten Grinsen, setzte in der 82. Minute den Schlusspunkt. Wieder war es MacDougall, der die Vorlage lieferte. Ein sehenswerter Schlenzer ins lange Eck, Torwart Reece Napier streckte sich vergeblich. 3:2 für Edinburgh - aus Sicht der Gäste eine Lehrstunde in Geduld, aus Sicht der Heimfans eine bittere Ironie des Schicksals. "Das war ein Punch in die Magengrube", stöhnte Kloppo nach Abpfiff. "Wir haben alles reingeworfen - und kriegen trotzdem drei Dinger. Vielleicht hätten wir uns mal das Wetter als Gegner aussuchen sollen, da hätten wir mehr Chancen gehabt." Seine Spieler standen danach noch lange auf dem Platz, sichtlich konsterniert, während die Hibees feierten. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: 11 Torschüsse Greenock, 8 der Hibees, Ballbesitz fast pari. Doch die Gäste waren schlicht effizienter - oder, wie ihr Trainer lakonisch meinte: "Wir haben die Tore zum richtigen Zeitpunkt gemacht. Das ist die einfachste Taktik der Welt." Für Greenock bleibt der Trost, dass sie Fußball zeigten, der Herz und Humor hat. Als Ralf Weber nach dem Spiel gefragt wurde, wie sich ein Tor als Innenverteidiger anfühlt, lachte er: "Kurz dachte ich, ich wär Leon MacBean. Dann fiel mir ein, dass ich Rückennummer fünf trage." Die Hibees hingegen reisen mit breiter Brust zurück in die Hauptstadt. Ein Sieg, der mehr wert ist als drei Punkte - er zeigt, dass in dieser Mannschaft mehr steckt als Routine. "Wir sind wie ein alter Whisky", witzelte Galbraith. "Am Anfang brennt’s, am Ende wird’s warm." Und so endete ein Abend, den man in Greenock wohl noch eine Weile besprechen wird - irgendwo zwischen Frust, Stolz und dem Gefühl, dass man trotz Niederlage Teil eines richtig guten Fußballspiels war. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen brummte: "Wenn schon verlieren, dann wenigstens schön." Das ist in Schottland fast so viel wert wie ein Punkt. 01.01.643988 07:26 |
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Mario Basler