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Ein nasskalter Februarabend, Flutlicht, 40.435 Zuschauer - und ein FC Gladbeck, der sich gegen Holstein Kiel mit Zähnen, Klauen und einem ordentlichen Schuss Trotz einen Punkt erkämpfte. 1:1 hieß es am Ende eines Spiels, das weniger nach Taktiktafel als nach Dampflok klang: laut, heiß und mit ordentlich Druck auf dem Kessel. Trainer El Comandante hatte vor der Partie noch gewarnt: "Kiel spielt Ballbesitzfußball, wir spielen Herzblut." Und tatsächlich - die Gäste aus dem Norden kontrollierten das Spiel mit 61 Prozent Ballbesitz, ließen die Kugel elegant durch die eigenen Reihen zirkulieren, als seien sie beim Sommertraining an der Förde. Doch wer dachte, Gladbeck würde sich kampflos ergeben, irrte gewaltig. In der 27. Minute war es dann aber soweit: Duarte Capucho, der flinke Portugiese auf Kiels linker Seite, schlich sich nach feinem Doppelpass mit Archie Lineback in den Strafraum und schob eiskalt zur Führung ein. "Ich hatte kurz überlegt, ob ich querlege", grinste Capucho später, "aber dann dachte ich mir: Ach komm, gönn dir." Der Treffer passte zum Spielverlauf - Holstein war ruhiger, präziser, einfach norddeutsch effizient. Gladbeck hingegen brauchte erst mal einen kräftigen Schluck aus der Motivationsthermoskanne. In der Pause, so verriet Innenverteidiger Noah Ulrich, "hat der Trainer nicht gesprochen - er hat nur geguckt. Und wenn El Comandante guckt, dann läufst du." Und so kam die Mannschaft zurück aufs Feld wie ein Presslufthammer auf Koffein. Nur sechs Minuten nach Wiederanpfiff war das Stadion dann ein Tollhaus: Francisco Gallardo, 34 Jahre jung und mit der Erfahrung von mehr als tausend Kleinfeldturnieren im Blut, hämmerte die Kugel aus spitzem Winkel unter die Latte - Assist von Linksverteidiger Jake Boyd, der in dieser Szene mehr Flügelspieler als Defensivmann war. 1:1, und der Jubel in Gladbeck klang, als hätte jemand den Strom wieder eingeschaltet. "Ich hab den Ball einfach perfekt getroffen", sagte Gallardo später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Müdigkeit pendelte. "Und dann hab ich mir gedacht: Jetzt bloß keine Muskelzerrung beim Jubeln." Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Gladbeck feuerte Torschüsse im Minutentakt ab - 17 an der Zahl, was das Kieler Tornetz wohl nachhaltig beeindruckt haben dürfte. Besonders Leandro Moutinho auf der rechten Seite wirbelte wie ein Espresso auf zwei Beinen, schoss aus allen Lagen und bekam am Ende Standing Ovations, obwohl sein Zielwasser wohl mit Sprudel verdünnt war. Bei Kiel dagegen blieb Alexander Devaney der auffälligste Mann - mal mit gefährlichen Flanken, mal mit einer Gelben Karte (70.), nachdem er Noah Ulrich etwas zu leidenschaftlich an den Trikotzipfel erinnerte. Trainer Jason Voorhees nahm’s nach dem Spiel mit Galgenhumor: "Wir wollten kein Pressing spielen, aber Alexander hat das offenbar wörtlich genommen - er hat gedrückt." In der Schlussphase kochte die Partie dann richtig hoch. Charles Aubin sah Gelb, Ulrich gleich hinterher - die Gladbecker Defensive wirkte in diesen Minuten so rustikal wie ein Baumarktregal. Doch während Kiel immer wieder versuchte, sich mit feinen Pässen durchzuspielen, stemmte sich Gladbeck mit allem dagegen, was Schienbeinschoner hergaben. In der Nachspielzeit dann noch einmal Herzstillstand: Javier Antunes und Aubin feuerten zwei Schüsse in Serie ab, doch Kiels junger Keeper Inigo Mendes parierte wie ein alter Fels in der Brandung. "Ich wusste, dass der Ball kommt", erklärte Mendes später mit stoischer Ruhe. "Ich hab ihn einfach festgehalten. Das steht so im Handbuch." Am Ende blieb es beim 1:1 - ein Ergebnis, das beiden Teams irgendwie nicht ganz schmeckte, aber beiden auch nicht schlecht stand. Kiel hatte spielerisch überzeugt, Gladbeck mit Leidenschaft kompensiert. "Wenn wir so weiterlaufen, brauchen wir bald Sauerstoffzelte", scherzte Gallardo beim Abgang. Trainer El Comandante dagegen blieb ernst: "Wir wollten gewinnen. Aber wenn man mit dem Herzen spielt, darf man auch mal mit einem Punkt leben." Sein Gegenüber Voorhees nickte - und murmelte etwas von "Albträumen in Rot-Weiß", ehe er im Tunnel verschwand. Unterm Strich: Kiel mit mehr Ball, Gladbeck mit mehr Biss. Und irgendwo dazwischen ein Spiel, das zeigte, warum Fußball trotz Statistik noch immer Theater ist - mit Dramaturgie, Emotion und gelegentlich einem Schuss Wahnsinn. Oder, wie ein Fan beim Bierstand meinte: "War nix für Feingeister, aber geil war’s trotzdem." Und wer will da widersprechen? 10.06.643990 13:20 |
Sprücheklopfer
Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund