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Es war ein kalter, aber lauter Abend in Ioannina. 27.000 Zuschauer füllten das kleine Stadion bis auf den letzten Platz, viele mit dampfendem Kaffee in der Hand, um sich an diesem Februartag warmzuhalten. Doch spätestens nach der zweiten Halbzeit war keinem mehr kalt - Giannina besiegte AEL Athen mit 3:1 (0:0), und das mit einer Mischung aus geduldigem Spielaufbau, leidenschaftlichem Einsatz und einer Prise Chaos, wie sie nur der griechische Fußball hervorbringen kann. Die erste Halbzeit? Ein taktisches Schachspiel, bei dem beide Teams ihre Figuren eher vorsichtig bewegten. Giannina, von Trainer Kai Häntsch gewohnt offensiv eingestellt, ließ den Ball laufen, aber der letzte Pass blieb Mangelware. "Wir haben zu schön gespielt", grinste Häntsch später, "fast so, als gäbe es Punkte für Ästhetik." 16 Torschüsse sollten es am Ende sein - schon da zeichnete sich ab, wer hier die Musik spielte. Athen unter Coach Ryan Mystery versuchte, das Spiel über lange Bälle und Konter in den Griff zu bekommen, doch die Defensive der Gastgeber stand meist sicher. "Wir wollten kompakt bleiben", erklärte Mystery später mit britischem Understatement, "aber irgendwann war’s halt nicht mehr kompakt, sondern nur noch hinten." Nach dem Seitenwechsel explodierte das Spiel. In der 56. Minute brach Diego Assis den Bann. Der 35-jährige Spielmacher, der mit seiner Routine und einem unnachahmlichen Sinn für Raumgefühl glänzte, zog nach Vorarbeit von Gerasimos Choutos aus 18 Metern ab - 1:0. "Ich hab gesehen, dass der Torwart einen Schritt zu weit links stand", schmunzelte Assis, "da dachte ich mir: Okay, dann rechts rein." Doch Athen antwortete prompt. Kaum fünf Minuten später versenkte Agisilaos Basinas einen flachen Schuss ins linke Eck - der Ausgleich zum 1:1. Für einen Moment schwieg das Stadion, und sogar Häntsch wirkte kurz nachdenklich. "Ich überlegte", sagte er später, "ob ich meine Glückssocken beim falschen Fuß angezogen hatte." Aber Giannina ließ sich nicht beirren. Nur zwei Minuten nach dem Gegentor setzte Amaury Figo, der rechte Flügelstürmer, zu einem Solo an, das an bessere Zeiten eines gewissen portugiesischen Namensvetters erinnerte. Mit einem trockenen Abschluss brachte er Giannina wieder in Führung - 2:1. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Figo nach dem Spiel, "aber der Ball hatte andere Pläne." Von da an lief die Partie nur noch in eine Richtung. Athen verlor die Ordnung, und spätestens nach der roten Karte für Rechtsverteidiger Alkinoos Kyrastas in der 86. Minute war klar, dass die Gäste keinen Punkt mehr mitnehmen würden. Kyrastas hatte Figo an der Außenlinie umgerissen, als dieser erneut durchbrechen wollte - ein Foul, das in seiner Verzweiflung fast schon Mitleid hervorrief. In der 87. Minute machte Franck Rochefort den Deckel drauf. Nach einem präzisen Pass von Salvador Dominguez stand der Franzose frei vor dem Tor und schob eiskalt zum 3:1 ein. Jubel, Rauchfackeln, ekstatische Umarmungen - Ioannina stand Kopf. "Das war Fußball, wie wir ihn sehen wollen", kommentierte Häntsch strahlend. "Mit Herz, mit Mut, und mit einem Keeper, der sich nicht gelangweilt hat." In der Tat musste Alejandro Ronaldo, der Namensvetter des Weltstars, in der 60. Minute ausgewechselt werden - ob wegen einer leichten Verletzung oder weil er schlichtweg zu wenig zu tun hatte, blieb offen. Sein 17-jähriger Ersatz, Karolos Vryzas, durfte immerhin noch ein paar Bälle abfangen und bei Abpfiff feiern. Auch die Statistik sprach eine klare Sprache: 56,5 Prozent Ballbesitz, 16:5 Torschüsse, mehr gewonnene Zweikämpfe - Giannina war in fast jeder Kategorie überlegen. Nur beim Humor schien Athen mitzuhalten: "Wir haben wenigstens das schönste Eigentor des Abends verhindert", grinste Mystery nach dem Spiel, "das ist doch auch was." Und so endet ein Abend, der in Ioannina wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ein Sieg, der nicht nur drei Punkte bringt, sondern auch das Selbstvertrauen einer Mannschaft stärkt, die sich trotz Rückschlägen treu bleibt. Oder, wie es Amaury Figo in der Mixed Zone zusammenfasste: "Wenn’s läuft, läuft’s. Und wenn nicht - schießen wir halt trotzdem drauf." Ein Satz, der so herrlich griechisch klingt, dass man ihn sich am liebsten auf ein T-Shirt drucken würde. 08.11.643990 03:25 |
Sprücheklopfer
In den ersten Minuten konnte man exakt sehen, was wir vorhatten.
Peter Neururer nach einer 1:4 Niederlage