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Wenn ein Stürmer einen guten Tag erwischt, kann das Stadion zum Theater werden - und Francisco Gallardo war am Donnerstagabend im Estadio Olímpico eindeutig Hauptdarsteller dieses Stücks. Mit drei Treffern führte der 28-jährige Linksaußen Real Caracas zu einem 3:1-Sieg über CF Maracaibo am 6. Spieltag der 1. Liga Venezuela. 34.432 Zuschauer sahen eine Partie, in der Caracas weniger Ballbesitz hatte (46 Prozent), aber dafür den deutlich klareren Plan - und Gallardo als unbarmherzigen Vollstrecker. Bereits in der 24. Minute zündete Gallardo die erste Rakete. Nach einem feinen Zuspiel des jungen Silvestre Meireles (19) setzte er den Ball mit links in den Winkel. "Ich hab’ einfach draufgehalten, ehrlich gesagt. Wenn ich da nachdenke, geht der Ball wahrscheinlich ins Parkhaus", grinste Gallardo später. Nur fünf Minuten später wiederholte sich das Schauspiel - diesmal kam die Vorlage von Rechtsaußen Daniel Gebhardt, und wieder war Gallardo da, wo ein echter Torjäger stehen muss. 2:0 für Real, Maracaibo schaute sich ratlos an. Trainer Eiko Henke, sonst selten der Mann großer Gefühlsausbrüche, riss die Arme hoch und klatschte sogar in Richtung der Tribüne. "Ich sag’s den Jungs immer: Wenn wir vorne einfach bleiben und schnell kombinieren, kommt Gallardo automatisch ins Spiel. Der hört auf keine Taktiktafel, der hört auf Instinkt", sagte Henke nach dem Spiel mit einem Schmunzeln. Doch wer glaubte, Maracaibo würde sich still ergeben, hatte die Rechnung ohne den 18-jährigen Diego Ramiro gemacht. Kurz vor der Pause, in der 43. Minute, brachte er sein Team mit einem platzierten Schuss nach Vorarbeit von Nelio Bertran wieder heran. 2:1 - plötzlich war wieder Spannung da. "Wir wussten, dass Caracas anfällig wird, wenn man sie vom Rhythmus trennt", erklärte Gästecoach Gil Fahne hinterher. "Leider hat uns dann das Glück gefehlt - und vielleicht auch ein Gallardo." Nach dem Seitenwechsel blieb es zunächst offen, auch wenn Caracas trotz geringeren Ballbesitzes deutlich häufiger abschloss. 22 Torschüsse standen am Ende zu Buche, während Maracaibo nur fünf Mal ernsthaft auf das Tor von Sergio Cortes zielte. In der 49. Minute sah Maracaibos Pieter Wetherwax Gelb nach einem rustikalen Einsteigen - und Henke kommentierte trocken: "Da wollte wohl jemand zeigen, dass er auch Friseur kann." Das Spiel lebte nun von Intensität und kleinen Dramen. In der 68. Minute musste der eben eingewechselte Silvestre Meireles verletzt raus, nachdem er in einem Zweikampf unglücklich umknickte. "Nur eine Bänderdehnung", vermeldete Henke später erleichtert, "aber der Junge hat heute schon mehr Meter gemacht als ich im ganzen Jahr." In der 71. Minute dann die Entscheidung: Xavi Eusebio steckte zentral durch auf Gallardo, der mit einer eiskalten Bewegung den Ball am herauseilenden Keeper Matias Bischoff vorbeischob - 3:1, Huttrick komplett. Die Fans sprangen auf, Bierbecher flogen, und Gallardo breitete die Arme aus, als wolle er den Abend umarmen. "Ich hab’ nur getan, was jeder Stürmer tun sollte - den Ball ins Tor schießen", sagte Gallardo später, während er seinen dritten Spielball des Abends unter den Arm klemmte. Seine Teamkollegen neckten ihn in der Kabine: "Wir müssen wohl bald Eintritt zahlen, wenn er trainiert", witzelte Mittelfeldmann Gebhardt. Statistisch war es ein ungleiches Duell: Maracaibo hatte mit 54 Prozent etwas mehr Ballbesitz, aber eben kaum Durchschlagskraft. Real Caracas verteidigte diszipliniert, gewann 56 Prozent der Zweikämpfe und setzte immer wieder gefährliche Nadelstiche. Henke fasste es so zusammen: "Manchmal ist weniger Ballbesitz einfach mehr Freude. Wir haben das Spiel kontrolliert, ohne den Ball zu lieben." Auf der anderen Seite wirkte Coach Fahne trotz der Niederlage erstaunlich gelassen. "Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Wir wollten offensiv spielen, haben das versucht - aber der Fußball ist manchmal wie ein schlechter Witz: Der, der weniger redet, lacht zuletzt." In Caracas wird man diesen Abend jedenfalls noch eine Weile erzählen - von Gallardo, der mit 28 noch einmal spielte wie ein Teenager, von einem Team, das auf Effizienz setzte, und von einem Publikum, das ab der 70. Minute nur noch sang. Als das Flutlicht erlosch, grinste Henke in die Kameras: "Drei Punkte, drei Tore, drei Gründe, morgen auszuschlafen." Ein Spiel, das zeigte: Ballbesitz ist schön - Tore sind schöner. 07.08.643990 01:46 |
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