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Wenn es am 20. Spieltag der 1. Liga Venezuela ein Spiel gab, das die Zuschauer auf der Tribüne zwischen Euphorie, Kopfschütteln und ungläubigem Staunen pendeln ließ, dann war es das 3:5-Spektakel zwischen Lladeros Guanare und Real Caracas. 27.000 Fans sahen in einem lauen Januarabend nicht nur acht Tore, sondern auch den wohl selbstbewusstesten Auftritt eines Mannes, der sich offenbar vorgenommen hatte, das Stadion im Alleingang zu erobern: Francisco Gallardo. Vier Tore, ein Lächeln und am Ende ein Siegerinterview, das in die Kategorie "leicht übermütig" fiel. "Ich hab einfach Spaß gehabt - und wenn der Ball so willig rollt, wäre es unhöflich, ihn nicht ins Tor zu begleiten", grinste Gallardo, während er sich ein verschwitztes Handtuch über die Schultern warf. Sein Trainer Eiko Henke nickte daneben, halb stolz, halb ungläubig: "Ich habe ihm gesagt, er soll vorne mutig bleiben. Dass er gleich viermal mutig wird, war dann doch etwas übertrieben." Dabei hatte alles ganz nach einem offenen Schlagabtausch ausgesehen. Schon in der dritten Minute brachte Xavi Eusebio Real Caracas nach Vorarbeit von - natürlich - Gallardo in Führung. Lladeros Guanare, die unter Trainer Javier Salcedo (der nach Abpfiff kommentarlos in der Kabine verschwand) spielerisch durchaus mithielten, antworteten umgehend: Hugo Zorrilla, der rechte Flügelflitzer mit der Statur eines Gewichthebers, traf nach elf Minuten zum Ausgleich, bedient von Adriano Xavier. Was dann folgte, war eine Halbzeit, die in jedem Lehrbuch unter "Defensivarbeit, wie man sie nicht ausführt" auftauchen könnte. Gallardo schoss Real wieder in Front (24.), Zorrilla glich (34.) - und nur zwei Minuten später traf Ingo Viana zum 3:2 für Guanare. Die Zuschauer tobten, der Stadionsprecher überschlug sich, und manch einer dachte wohl, das Ding sei durch. Doch wer Real Caracas kennt, weiß: Sie sind wie ein schlechter Krimi - man glaubt, man weiß, wie es ausgeht, und liegt dann völlig daneben. Nach der Pause kam Caracas mit neuem Schwung und zwei frischen Kräften: Daniel Gebhardt und Carlos Panero ersetzten die jungen Wilden Lenentine und Manuel. Fortan spielte nur noch das Team in Rot-Gelb. Gallardo, inzwischen in einem Zustand zwischen Genie und Größenwahn, erzielte in der 55. Minute den Ausgleich, in der 69. das 4:3 und in der Nachspielzeit das 5:3 - letzteres nach feiner Vorbereitung von Miguel Costa. "Ich hab kurz überlegt, ob ich ihm das fünfte gönne", witzelte Xavi Eusebio nach Schlusspfiff, "aber Francisco hat mir den Ball einfach abgenommen. Was willst du da machen?" Statistisch gesehen war das Spiel ein Kuriosum: Guanare hatte mit 52 Prozent leicht mehr Ballbesitz, Real Caracas aber fast doppelt so viele Torschüsse (19 zu 9). Die Gastgeber kombinierten gefällig, aber ihre Abwehr wirkte in der zweiten Hälfte, als hätte sie den Feierabend zu früh eingeläutet. "Wir haben aufgehört, das zu tun, was funktioniert hat - nämlich Gallardo zu stören", murmelte Verteidiger Matias Tellez, während er in die Katakomben trottete. Trainer Henke zeigte sich nach dem Spiel betont gelassen: "Ich hab in der Halbzeit gesagt: Jungs, spielt weiter, irgendwann geht der Ball wieder rein. Dass er dann viermal reingeht, ist natürlich... effizient." Und tatsächlich: Gallardo schien in der zweiten Hälfte jede Unsicherheit verloren zu haben. Er tänzelte, grinste, und als in der 92. Minute sein vierter Treffer im Netz zappelte, reckte er die Arme, als wolle er sagen: "Na, wer zweifelt jetzt noch?" Die Fans von Lladeros Guanare verabschiedeten ihre Mannschaft dennoch mit Applaus - und einem ironischen "Danke für die Show". Denn eines muss man ihnen lassen: Unterhaltung liefern sie. Drei Tore, zahllose Chancen, und ein junger Torwart, Marcio Futre, der mit 17 Jahren zwischen Genie und Überforderung pendelte. "Ich hab Gallardo gesehen, und dann war er weg - und der Ball drin", beschrieb er ehrlich seinen Abend. Was bleibt? Ein Spiel, das in Erinnerung bleibt. Ein Gallardo, der sich mit vier Treffern endgültig in die Herzen - oder Albträume - der Liga schießt. Und ein Lladeros Guanare, das sich fragt, wie man mit drei Toren zu Hause trotzdem verliert. Oder, wie ein Zuschauer beim Hinausgehen sagte: "Wenn das so weitergeht, müssen sie Eintritt fürs Kino verlangen - das hier war reinstes Drama." Schlusswort: Real Caracas lacht, Lladeros lernt. Und irgendwo in der Hauptstadt wird Francisco Gallardo heute Nacht mit seinem vierten Tor im Kopfkissen schlafen - wohl wissend, dass er der Grund war, warum 27.000 Menschen in Guanare noch immer von Fußball träumen. 18.09.643987 00:51 |
Sprücheklopfer
Die Türken haben gezeigt, dass man, egal bei welchem Spielstand, immer mit ihnen rechnen kann. Das macht sie natürlich unberechenbar.
Jogi Löw