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Ein Tor nach nur sechzig Sekunden - das klingt nach einem Spektakel. Doch wer am Freitagabend im Athener Stadtteilstadion von Ilisia auf ein Torfestival gehofft hatte, bekam stattdessen eine Lehrstunde in Geduld, Abwehrarbeit und verpassten Chancen. Atromitos gewann beim Gastgeber Ilisiakos mit 1:0, und das einzige Tor fiel, bevor viele Zuschauer überhaupt ihre Plätze gefunden hatten. Es war die erste Minute, als Atromitos’ rechter Mittelfeldspieler Timm Rauch - 34 Jahre alt, graue Schläfen, aber noch immer die Dynamik eines Straßenfußballers - einen blitzsauberen Pass von Izzet Aydemir aufnahm und den Ball aus rund 18 Metern in die lange Ecke drosch. Ilisiakos-Torhüter Mateo Fernandez streckte sich vergeblich, und während sich Rauch auf den Bauch fallen ließ, um den Jubel zu genießen, rieben sich viele Fans noch die Augen. "Ich hab’ nur kurz aufs Handy geschaut, und schon stand’s 0:1", murmelte ein Zuschauer in der zwölften Reihe, halb belustigt, halb frustriert. Danach sollte es, zumindest was den Torjubel anging, ruhig bleiben. Atromitos dominierte den Ball (53,6 Prozent Ballbesitz) und vor allem das Torschussverhältnis - 19:4 laut Statistik, was den Eindruck bestätigte, dass Ilisiakos den Strafraum eher als Sperrgebiet betrachtete. Dennoch blieb das Spiel seltsam offen, weil die Gäste mit ihren Chancen so verschwenderisch umgingen wie ein Kind im Süßwarenladen. Xavi Mino und Henri Couture scheiterten mehrfach an Fernandez, der trotz der Niederlage zum besten Mann seines Teams avancierte. "Wir hätten das Ding schon in der ersten Halbzeit klar machen müssen", knurrte Atromitos-Trainer Michael Graf später. "Aber ich nehme den Sieg gern so mit - wir haben heute früh gearbeitet." Sein Gegenüber Karim Benzema - ja, der Karim Benzema, der einst in Madrid Tore am Fließband produzierte und nun als Coach in Athen an der Seitenlinie steht - sah das naturgemäß anders: "Ein Gegentor nach einer Minute, das ist wie ein Wecker ohne Schlummertaste. Danach waren wir wach, aber das Spiel war schon entschieden." Ilisiakos mühte sich, kam aber selten gefährlich vor das Tor. Der junge Mittelstürmer Jakob Söderberg hatte in der 34. Minute die beste Gelegenheit, als er nach einem schönen Solo von Roger Lessard aus zehn Metern abzog - doch Atromitos-Keeper Jannis Lee war schnell unten. "Ich dachte, der Ball sei schon durch", sagte Söderberg später, "aber dieser Lee hat wohl Spinnenarme." In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel zunehmend zerfahren. Atromitos blieb offensiv, Ilisiakos versuchte mit langen Bällen, das Glück zu erzwingen. Es half nichts. Stattdessen häuften sich die Fouls, und der Frust nahm zu. In der 70. Minute sah Ilisiakos-Verteidiger George Perlman Gelb, nachdem er Henri Couture an der Seitenlinie unsanft zu Boden befördert hatte. Als derselbe Perlman in der Nachspielzeit erneut übermotiviert in einen Zweikampf ging, schickte ihn der Schiedsrichter mit Gelb-Rot vom Platz - ein passendes Sinnbild für den Abend der Gastgeber. Eine bittere Szene ereignete sich in der 78. Minute: Der 19-jährige Aigefs Antoniadis, einer der wenigen Lichtblicke im Ilisiakos-Spiel, musste nach einem unglücklichen Zweikampf verletzt ausgewechselt werden. "Er hat sich am Knöchel verdreht", erklärte Benzema später, "nichts Dramatisches, aber symptomatisch für den Abend - immer, wenn wir Fahrt aufnehmen, kommt was dazwischen." Atromitos wechselte fleißig durch, brachte unter anderem Heinz Kroll für den müden Couture und stellte in der Schlussphase auf Konterspiel um - laut Taktikdaten mit "voller Einsatzbereitschaft" und "langem Passspiel". Eine kluge Entscheidung, denn Ilisiakos lief an, ohne wirklich durchzukommen. Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die rund 200 mitgereisten Atromitos-Fans, während die 20.000 Zuschauer im Stadion eher höflich klatschten - man hatte sich Schlimmeres vorstellen können. "Wir haben uns teuer verkauft", meinte Ilisiakos-Mittelfeldspieler Gudbrand Dahl mit einem schiefen Lächeln. "Teuer, aber leider ohne Rückgaberecht." Fazit: Atromitos zeigte, wie man ein Spiel mit einem frühen Treffer kontrolliert, auch wenn die Effizienz zu wünschen übrig ließ. Ilisiakos kämpfte, blieb aber harmlos. Ein 0:1, das deutlicher war, als es das Ergebnis verrät. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen brummte: "Wenn man in der ersten Minute einschläft, darf man sich am Ende nicht wundern, dass der Wecker schon wieder klingelt." 27.12.643993 20:27 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer