// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein Montagabend, der nach Bratwurst und Drama roch. 5.000 Zuschauer hatten sich im kleinen Stadion von Oberliederbach eingefunden, um beim 5. Spieltag der Regionalliga C zu erleben, wie ihre Mannschaft gegen den SV Lichtenberg antreten würde. Am Ende bekamen sie ein Spektakel, das man so schnell nicht vergisst - allerdings keines, das einen Sieger fand. 2:2 hieß es nach 90 intensiven Minuten, die sich vor allem in der ersten Halbzeit anfühlten wie ein wilder Ritt durch sämtliche Emotionen, die der Fußball zu bieten hat. Schon nach elf Minuten lag das Leder im Netz der Hausherren. Der junge Sven Hausmann, gerade einmal 17 Jahre alt und vermutlich noch mit Schülerausweis unterwegs, drosch den Ball nach feinem Zuspiel von Jens Schaelles kompromisslos in die Maschen. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du nach so einem Pass nicht triffst, dann darfst du am nächsten Tag die Hütchen schleppen", grinste der Teenager nach Abpfiff. Doch wer glaubte, Oberliederbach würde sich davon beeindrucken lassen, sah sich getäuscht. Nur fünf Minuten später stand es wieder pari: Carsten Sorglos, der Name klingt nach Wellnessurlaub, zeigte Nerven aus Stahl. Nach Vorlage von Knud Bachmann zimmerte er den Ball aus der zweiten Reihe ins rechte Eck - 1:1, und das Stadion brodelte. Trainer Müller (dessen Name in der Datenlage nicht überliefert ist, aber stellvertretend für Oberliederbach hier stehen darf) brüllte so laut "Jawoll!", dass selbst der Linienrichter kurz zusammenzuckte. Doch die Nachwuchs-Offensive aus Lichtenberg hatte noch nicht genug. In der 23. Minute war es erneut Hausmann, diesmal nach Vorarbeit von Bernt Peters, der den Ball über die Linie drückte. 2:1 - und die Gästefans, immerhin etwa ein Dutzend lautstark reisende Anhänger, feierten ihren Jungstar, als hätte er gerade das Champions-League-Finale entschieden. Trainerin Xenia Fillstein klatschte zufrieden, blieb aber cool: "Das war schön gespielt. Aber ich kenne meine Jungs - die halten selten lange durch, wenn’s zu früh zu gut läuft." Prophetische Worte. Denn noch vor der Pause schlug Oberliederbach zurück. Finn Löffler, der Mittelstürmer mit der Körpersprache eines Mannes, der schon alles gesehen hat, nutzte in der 39. Minute eine Lücke in der Lichtenberger Abwehr, die breiter war als das Tor selbst. Er schob ein zum 2:2 - und damit war die erste Halbzeit komplett aus dem Häuschen. Vier Tore, kein Leerlauf, und ein Publikum, das sich fragte, ob man das Eintrittsgeld doppelt bezahlen müsste. Die zweite Halbzeit begann deutlich ruhiger - zumindest, was die Tore anging. Chancen gab es weiterhin zuhauf. Oberliederbach feuerte insgesamt zehn Schüsse auf das Tor ab, Lichtenberg kam auf sieben. Die Gastgeber hatten mit knapp 49 Prozent Ballbesitz leicht das Nachsehen, gewannen aber immerhin etwas mehr als die Hälfte ihrer Zweikämpfe. Lichtenberg dagegen wirkte spielerisch reifer, doch in der Box fehlte der letzte Biss. In der 77. Minute wurde es dann hitzig: Lichtenbergs Routinier Oliver Weis, 34 Jahre alt und offenbar mit der Gelben Karte per Du, sah den gelben Karton nach einem rustikalen Einsteigen gegen Ben Wurst. "Ich hab den Ball gespielt", rief er - der Ball allerdings befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Nachbarschaft. Die Schlussphase brachte noch einmal Nervenkitzel. Oberliederbach drückte, Lichtenberg konterte, und als in der 91. Minute Lichtenbergs Linksverteidiger Juan Carvalho noch einmal abzog, hielten 5.000 Kehlen den Atem an. Der Ball strich knapp über die Latte - und der Schlusspfiff besiegelte ein gerechtes Unentschieden. "Wir haben viel Herz gezeigt, vielleicht ein bisschen zu wenig Kopf", bilanzierte Oberliederbachs Trainer später. Sein Gegenüber Fillstein konterte charmant: "Ich nehme den Punkt gerne mit. Und Sven bekommt morgen keinen Mathe-Test, das hab ich schon mit seiner Schule geklärt." So endete ein Spiel, das in den ersten 45 Minuten wie ein Actionfilm wirkte und danach zu einem Schachduell auf Rasen wurde. Ein 2:2, das beiden Teams gerecht wird - und einem jungen Mann namens Sven Hausmann vielleicht den ersten Schritt in eine große Karriere beschert. Oder, wie ein älterer Fan beim Bierstand murmelte: "Wenn der so weitermacht, steht der bald in Panini-Heftchen - und wir sagen, wir waren dabei." 17.03.643987 02:12 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts