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Es war ein lauer Abend in Kingston, aber im Stadion brannte die Luft. 68.975 Zuschauer sahen ein Spiel, das so unberechenbar war wie jamaikanisches Aprilwetter. Fire-House FC und Bull Bay trennten sich nach 90 turbulenten Minuten 3:3 - und keiner wusste so recht, ob er jubeln oder fluchen sollte. Schon nach neun Minuten klingelte es zum ersten Mal: Otto Dahlstrom, der quirlig-reizbare Rechtsaußen von Bull Bay, zirkelte den Ball nach Vorarbeit von Jannik Hoppe präzise ins Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Dahlstrom später. "Aber manchmal muss man dem Zufall einfach vertrauen." Trainer Sports Mann nickte dazu mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Nervenzusammenbruch pendelte. Fire-House-Coach Dottore Caballero, ein Mann, der auch beim Rückstand noch aussieht, als würde er gleich eine Oper dirigieren, reagierte prompt. Sein Team drückte, kombinierte, und nach 29 Minuten war’s passiert: Julian Arredondo, der bullige Mittelstürmer, traf nach feiner Vorarbeit des eingewechselten David Jemez, der kurz zuvor den verletzten Ignacio Alcazar ersetzt hatte. "Ich hab nur draufgehalten", sagte Arredondo hinterher bescheiden - und vergaß dabei, dass der Ball aus 20 Metern präzise in den Winkel flog. Doch wer glaubte, Fire-House würde nun das Kommando übernehmen, irrte gewaltig. Bull Bay blieb gefährlich, allen voran Marcio Nani, der rechte Flügelwirbelwind. In der 38. Minute nahm er einen langen Pass von Innenverteidiger Domingo Vega artistisch mit und schob zum 1:2 ein. Der Jubel der Gäste klang nach: rhythmisches Trommeln, ein Hauch Karneval mit Fußballschuhen. In der Pause sah man Caballero wild gestikulierend an der Seitenlinie - vermutlich dozierte er gerade über "offensive Balance und taktische Reinheit". Seine Jungs verstanden die Botschaft offenbar: Direkt nach Wiederanpfiff stürmten sie mit Feuer und Flamme. In der 57. Minute glich Oscar Zahinos nach feinem Zuspiel von Pierre Bach aus. "Ich wusste, dass Pierre mich sieht", sagte Zahinos, "wir trainieren diese Bälle seit Wochen - meist gehen sie ins Aus." Fire-House hatte nun Oberwasser und schnürte die Gäste phasenweise ein. 16 Torschüsse gegenüber 12 von Bull Bay sprechen eine klare Sprache, ebenso 53 Prozent Ballbesitz. Doch was nützen Zahlen, wenn der Fußball seine eigenen Gesetze schreibt? In der 83. Minute war es ausgerechnet der nimmermüde Pierre Bach, der die Hausherren erstmals in Führung brachte - nach Vorarbeit von Duarte Gama. Das Stadion bebte, die Feuerwerker hinter der Kurve zündeten zu früh. Aber Bull Bay wäre nicht Bull Bay, wenn sie sich einfach ergeben hätten. Trainer Mann brachte in der 88. Minute den jungen Joao del Rio - und kaum war dieser auf dem Platz, leitete er den letzten Aufreger ein. In der 89. Minute stand wieder Otto Dahlstrom goldrichtig und traf zum 3:3. Vorlage kam diesmal von Bruno Calvente, der auf der linken Seite bis zum Umfallen rannte. "Wir haben Herz gezeigt", schnaufte Dahlstrom, "und ein bisschen Wahnsinn." Die Nachspielzeit gehörte noch einmal den Gastgebern. Oscar Zahinos prüfte Keeper Henri Carriere in der 92. Minute, aber der blieb standhaft - vermutlich mit der letzten Energie und einem stillen Gebet. Am Ende wussten beide Teams nicht recht, ob sie gewonnen oder verloren hatten. "Ich fühle mich wie nach einem guten Espresso - wach, aber zittrig", sagte Fire-House-Coach Caballero. Sein Gegenüber Sports Mann lächelte dünn: "Ein Punkt ist ein Punkt. Aber ich hätte gern ein Bier und drei neue Innenverteidiger." Zwei Gelbe Karten für Bull Bay (Julian Kaufmann, Domingo Vega) und eine Handvoll Blessuren rundeten den intensiven Abend ab. Die Zuschauer verließen das Stadion mit heiserer Stimme und der Gewissheit, ein Spiel gesehen zu haben, das in keiner Statistik Platz findet. Ein 3:3, das wie ein Roman war - mit Drama, Humor, Helden und kleinen Tragödien. Oder, wie ein alter Fan auf der Tribüne sagte: "Wenn das kein Fußball ist, dann weiß ich auch nicht - vielleicht Karaoke mit Ball." Und irgendwo in der Kabine summte Dottore Caballero zufrieden: "Wir haben nicht gewonnen, aber wenigstens gebrannt." 12.10.643987 06:07 |
Sprücheklopfer
Der Jürgen Klinsmann und ich, wir sind ein gutes Trio. Ich meinte: ein Quartett.
Fritz Walter Junior