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Es war einer dieser Abende, an denen das Stadion von Ferrol bebte, als wäre der Atlantik selbst zu Gast. 39.281 Zuschauer strömten am 5. Spieltag der Primera División ins Estadio A Malata, um zu sehen, wie Sporting Ferrol dem großen Athletic Madrid ein Schnippchen schlagen wollte. Und für 45 Minuten sah es tatsächlich so aus, als könnte der Fußballgott heute grün tragen. Schon in der 9. Minute explodierte das Stadion. Pol Aldecoa, quirlig wie eh und je, setzte sich auf der linken Seite durch, flankte präzise in den Strafraum - und Vicente Flores tat, was Mittelstürmer tun müssen: Er hielt einfach den Fuß hin. 1:0 für Ferrol, und die Tribünen bebten. "Da dachte ich, das wird unser Abend", grinste Flores später, "leider hatte Madrid da noch was dagegen." Denn was dann folgte, war ein Lehrstück in Geduld und Ballbesitz-Illusion. Ferrol hatte mit 55 Prozent zwar mehr vom Ball, aber Madrid produzierte Chancen im Akkord. 21 Torschüsse - mehr als viermal so viele wie die Gastgeber - prasselten auf Ezequiel Carcedo ein, der im Ferrol-Tor einen dieser Abende erwischte, an denen man sich fragt, ob der Mann heimlich Spiderman heißt. "Ezequiel hat uns im Spiel gehalten", sagte ein sichtlich zerknirschter Ferrol-Verteidiger Marcos Galindo nach dem Abpfiff. "Aber irgendwann war’s einfach zu viel Druck." Nach der Pause kam Madrid mit Wut im Bauch zurück. Coach Rocky Schönknecht hatte offenbar in der Kabine weniger über Taktik als über Stolz gesprochen. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr weiter so schießt, könnt ihr euch die Schuhe gleich mit Lineal binden", witzelte der Deutsche später mit breitem Grinsen. In der 65. Minute war es dann soweit: Alex Valdo, der rechte Flügelflitzer, zog an, legte quer, Pierre Bradshaw kam angerauscht und hämmerte den Ball zum 1:1 unter die Latte. Keine zwei Minuten später folgte der nächste Schlag. Diesmal revanchierte sich Bradshaw mit dem Pass - und Valdo selbst traf mit einem satten Schuss aus 16 Metern. 1:2, Spiel gedreht, Rocky Schönknecht ballte an der Seitenlinie die Fäuste. Ferrol versuchte, irgendwie wieder Struktur zu finden, aber Madrid ließ nicht mehr locker. Bradshaw, Cuadrado, Fernan - sie feuerten aus allen Lagen. Allein Cuadrado hatte zwischen der 55. und 78. Minute vier Torschüsse. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte Carcedo nach dem Spiel, "aber meine Handschuhe rauchen immer noch." In der 80. Minute versuchte Vicente Flores noch einmal, das Wunder zu erzwingen, als er sich auf links durchtankte und flach abschloss - doch Madrids junger Keeper Antonio Rivilla war zur Stelle. Danach brachte Schönknecht frisches Blut: Der 18-jährige Alejandro Ibanez durfte ran, ebenso der griechische Defensivkünstler Alkinoos Lymperopoulos. Und während Ferrol noch suchte, wo eigentlich die Lücken waren, schob Madrid das Leder mit stoischer Ruhe durch die eigenen Reihen. Einziger Schönheitsfehler für die Gäste: Aitor Olazabal sah in der 62. Minute Gelb, weil er den Ball wegschlug - vermutlich aus Frust über seine bevorstehende Auswechslung. "Ich wollte nur Zeit schinden", sagte er später lachend, "aber der Schiri hat wohl keinen Humor." Am Ende stand ein 2:1 für Athletic Madrid, das sich wie ein Pflichtsieg anfühlte - und doch einer war, der Charakter zeigte. Ferrol hatte gekämpft, gelaufen und gebrannt, aber das Feuer erlosch irgendwann an der Qualität der Gäste. "Wir haben gezeigt, dass wir mithalten können", resümierte Ferrols Kapitän Sergio Mantecon. "Aber wenn du 21 Schüsse zulässt, ist das wie Roulette spielen - irgendwann fällt die Kugel rot." Rocky Schönknecht dagegen war zufrieden, aber nicht euphorisch: "Das war kein Galaabend, aber ein Arbeitssieg. Und manchmal sind die schöner als jedes 4:0." Die Fans von Ferrol verabschiedeten ihre Spieler dennoch mit Applaus. Vielleicht, weil sie spürten, dass das Team alles gegeben hatte. Vielleicht auch, weil sie wissen: Gegen Madrid darf man verlieren, solange man sich nicht versteckt. Und das tat Ferrol an diesem kühlen Januarabend definitiv nicht. Oder, wie ein älterer Herr auf der Tribüne beim Abpfiff sagte, während er sich den Schal enger zog: "Wenn wir so weiter spielen, gewinnen wir bald wieder. Nur halt nicht gegen Schönknechts Jungs." Ein Satz, der wohl auch Carcedo unterschreiben würde - sobald seine Handschuhe abgekühlt sind. 06.03.643987 09:15 |
Sprücheklopfer
Statistiken, Statistiken, für Statistiken habe ich mich schon früher nicht interessiert. Statistiken sind dafür da, um gebrochen zu werden.
Matthias Sammer