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Ein Spiel, das als Katastrophe begann, endete als Wunder von Chiapas. Vor 58.851 Zuschauern im Estadio de la Selva verwandelten die Felinos Chiapas am 14. Spieltag der 1. Liga Mexico ein 0:2 zur Pause in ein wildes 3:2 gegen die Diablos Guadalajara - und das mit einem Elan, der selbst den örtlichen Jaguar zum Schnurren gebracht hätte. Schon nach 60 Sekunden hatte Roberto Girardi die Gäste in Führung gebracht. Ein Schuss aus 18 Metern, präzise, trocken, ohne unnötige Romantik - 0:1, und Trainer Pavel Pardo starrte noch auf seine Notizen. "Ich wollte gerade schreiben: ruhig anfangen", sagte er später lachend. Guadalajara dominierte zunächst, spielte offensiv, aggressiv, fast teuflisch - der Name war Programm. Und als Pedro Coluna in der 43. Minute nach Pass von Girardi das 0:2 erzielte, schien alles entschieden. In der Pause hörte man auf den Tribünen schon die ersten Pfiffe, und einer der Ordner soll gemurmelt haben: "Wenn’s so weitergeht, gehen die Katzen heute baden." Doch Fußball bleibt die Kunst des Unerwarteten. Pardo wechselte nicht, er redete. Laut Spieler Joris Conklin "so leise, dass man Angst bekam". Und dann kam die zweite Halbzeit - ein Lehrstück in Sachen Selbstverwandlung. Rafael Lomban eröffnete die Aufholjagd in der 52. Minute. Nach feinem Zuspiel von Didier Trottier schob der bullige Mittelstürmer den Ball ins Netz - 1:2. Plötzlich schien alles möglich. Die Felinos, nun bissiger und mit 51 Prozent Ballbesitz leicht tonangebend, setzten nach. 16 Torschüsse am Ende sprechen von ungebändigtem Willen - und ein wenig Wahnsinn. In der 73. Minute war es wieder Lomban. Nach einer Ecke verlängerte Gustav Barre den Ball per Kopf, Lomban stand goldrichtig: 2:2. Das Stadion explodierte. "Ich hab nur die Arme hochgerissen, weil ich dachte, der Schiri pfeift eh ab", grinste Lomban später. Guadalajara hingegen verlor den Faden, die einst so selbstbewussten Diablos taumelten. Trainer Ralf Mr, sichtbar genervt, brachte frische Kräfte: Pascual für Coluna, später Antolin für Pena. Doch statt frischem Schwung kam noch mehr Chaos. Dann die 83. Minute - Conklin, der rechte Flügelflitzer, veredelte eine Barre-Vorlage zum 3:2. Ein Schuss, der durch Freund und Feind segelte, als wolle er allen zeigen, dass Ballphysik reine Glaubenssache ist. Pardo sprang an der Seitenlinie, seine Jacke flog, der vierte Offizielle duckte sich. "Ich hab nur gedacht: Das darf nicht wahr sein", stöhnte Mr nach dem Spiel. "Wir hatten alles im Griff - bis sie plötzlich anfingen, Fußball zu spielen." Die letzten Minuten waren ein Nervenkrieg. Guadalajara warf alles nach vorn, Girardi und der junge Nuno Olazabal scheiterten mehrfach am starken Keeper Charles Poe. In der 93. Minute hielt Poe spektakulär gegen Olazabal - die Faustabwehr, die den Sieg rettete. Conklin fing sich in der Nachspielzeit noch Gelb ein, vermutlich weil er zu fröhlich verteidigte. Am Ende stand ein 3:2, das keiner mehr für möglich gehalten hatte. 0:2 zur Pause, 3 Tore in 31 Minuten - Fußball, wie ihn selbst Drehbuchautoren kaum schreiben dürften. Statistisch war’s ein enges Duell: 51 zu 49 Prozent Ballbesitz, 16 zu 9 Torschüsse, eine Tacklingquote von 53 Prozent für die Hausherren. Doch die nackten Zahlen erzählen nicht die Geschichte jener zweiten Halbzeit, in der Chiapas vom braven Heimkätzchen zur Großkatze mutierte. "Wir haben endlich gezeigt, dass wir auch beißen können", sagte Trainer Pardo nach dem Schlusspfiff. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr verliert, verliert wenigstens mit Stil. Sie haben mich wohl missverstanden." Und so gingen die Diablos mit gesenkten Köpfen vom Platz, während die Felinos sich feiern ließen, als hätten sie gerade die Liga gewonnen. Vielleicht war es nur ein Spiel - aber eines, an das man sich in Chiapas noch lange erinnern wird. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich wollte schon in der Halbzeit gehen. Zum Glück bin ich faul." 18.06.643987 12:33 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft