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Wer am Freitagabend ins Falmouth-Stadion kam, bekam für sein Eintrittsgeld mehr als nur Fußball: 58.705 Zuschauer sahen eine Vorstellung, die irgendwo zwischen taktischem Lehrstück und tropischem Tanz lag. Die Falmouth Villagers schlugen Clarendon Sporting mit 2:0 (0:0) - und das völlig verdient. Schon der Auftakt ließ erahnen, dass Trainer Hermann Tüllinghoff seine Jungs auf Angriff gebürstet hatte. "Offensiv heißt bei uns nicht, dass wir gleich alles riskieren", sagte er mit einem Augenzwinkern vor dem Spiel, "aber wenn’s läuft, dann läuft’s." Und es lief - nur das Tor wollte in der ersten Hälfte noch nicht fallen. Finlay Hannigan, der 33-jährige Stoßstürmer mit der Statur eines Rugbyspielers und der Eleganz eines Balletttänzers, prüfte den gegnerischen Keeper Allington bereits in der 5. Minute. Mario Zaera und Ashton Bradshaw folgten mit weiteren Versuchen, die allerdings eher wie höfliche Anfragen an die Torlinie wirkten als wie ernstgemeinte Abschlüsse. Clarendon Sporting hingegen wirkte, als hätten sie die Anreise noch in den Beinen. Zwar standen sie laut Statistik bei immerhin 44 Prozent Ballbesitz, aber was nützt das, wenn man kaum über die Mittellinie kommt? Nur vier Torschüsse verzeichneten die Gäste - und das wohlwollend gezählt. Ein erster Schreckmoment dann in der 22. Minute: Clarendons Innenverteidiger Pascal Gramont musste verletzt raus, nachdem er bei einem Klärungsversuch unglücklich aufgekommen war. "Ich hab sofort gemerkt, dass da was nicht stimmt", erklärte Ersatzmann Ruben Mocana später. Trainer und Mitspieler wirkten konsterniert, und die Gelbe Karte für Rechtsverteidiger Marcel Grenier kurz danach passte ins Bild eines Teams, das einfach nicht ins Spiel fand. Nach dem Seitenwechsel schien Tüllinghoff seiner Elf eine klare Ansage gegeben zu haben. "Er hat nur gesagt: ’Macht’s endlich!’", grinste Ashton Bradshaw später. Gesagt, getan: In der 57. Minute war es eben jener Bradshaw, der nach einer mustergültigen Flanke von Arnau de los Reyes den Ball per Direktabnahme ins rechte Eck jagte. 1:0 - und das Stadion bebte. Clarendon versuchte eine Antwort, wechselte auf noch offensiver, doch die Villagers blieben hungrig. Hannigan ackerte, als wolle er das Spielfeld umpflügen, Connor Fairchild wirbelte über rechts, und hinten räumte Jordi Valdes ab, als hätte er einen Staubsaugervertrag. In der 83. Minute dann der Schlusspunkt: Nach feinem Doppelpass mit Hannigan stand Robert Desjardins frei vor dem Tor - und diesmal ließ er Allington keine Chance. 2:0, Spiel entschieden, Tüllinghoff ballte die Faust, während das Publikum schon "We are Falmouth" skandierte. "Das war heute unsere Handschrift: aggressiv, schnell, kompromisslos", resümierte der Trainer nach dem Abpfiff, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. "Wir wollten zeigen, dass wir vorne hingehören." Clarendons Coach - der sich die Pressekonferenz lieber ersparte - schickte später eine kurze Sprachnachricht an die Reporter: "Wir müssen uns neu sortieren. Falmouth war heute einfach wacher, härter, besser." Kurz, ehrlich, treffend. Die Statistik untermauert das: 16 Torschüsse für Falmouth, nur 4 für Clarendon. 56 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote von fast 57 Prozent - Zahlen, die so klar sind wie die Sonne über Jamaika. Ein paar gelbe Flecken blieben allerdings im ansonsten makellosen Auftritt: Juan Pablo Rocha sah in der 89. Minute noch Gelb, als er den Ball etwas zu temperamentvoll wegschlug. "Ich wollte ihn nur zurückspielen", behauptete er später - was der Schiedsrichter mit einem skeptischen Grinsen quittierte. Zum Schluss durfte sich die Jugend auch noch zeigen: Theo Boyle, 22, kam in der 89. Minute für den Torschützen Bradshaw. "Ich hab nur gehofft, dass ich den Ball einmal berühren darf", lachte der Debütant. Es blieb bei genau einer Ballberührung - aber immerhin nach vorn. So endete ein Abend, an dem Falmouth zeigte, dass Leidenschaft und Taktik keine Gegensätze sein müssen. Und irgendwo auf der Tribüne, so munkelt man, sagte ein alter Fan mit einem Lächeln: "Wenn sie so weitermachen, tanzen sie bald ganz Jamaika aus." Ein Hauch von Karneval, ein Schuss Disziplin - und drei Punkte, die nach Zuckerrohr schmecken. 18.10.643993 10:01 |
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Mario Basler