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Es war einer dieser Abende in Chetumal, an denen man sich fragt, warum man eigentlich Fußball liebt - und am Ende wieder weiß, warum. 59.000 Zuschauer im Estadio del Caribe sahen beim 1:1 gegen Club America ein Spiel, das von Dramatik, vergebenen Chancen und einem späten Erlösungsmoment lebte. Atletico Chetumal, trainiert vom stets feurigen Bastian Roemmler, begann mit viel Elan, hatte mehr Ballbesitz (52,9 Prozent), mehr Schüsse (17 zu 7) und am Ende auch das glücklichere Ende - wenn man in der 94. Minute trifft, darf man das wohl sagen. Club America, das Auswärtsteam unter Coach Andres Salto, zeigte hingegen, warum man sie nie abschreiben sollte: effizient, jung, frech - und mit einem 19-jährigen Torschützen, der für einen Moment wie ein erfahrener Superstürmer wirkte. Schon früh war klar, dass es kein Abend für Feingeister werden würde. In der 7. Minute sah Guy Lancaster Gelb, nachdem er mehr die Schienbeinschoner seines Gegenspielers als den Ball getroffen hatte. "Ich wollte nur zeigen, dass wir da sind", grinste der rechte Mittelfeldmann später, als sei gelbe Farbe auf der Karte eine Art Auszeichnung. Chetumal drückte, kombinierte gefällig, aber Chancen wie die von Vicente Morte (18., 30., 44.) wollten einfach nicht ins Ziel. Amerikas Keeper Diego Manu blieb stoisch - ein Mann, der selbst in einem Erdbeben vermutlich noch den Ball sicher fangen würde. Und wie das im Fußball eben ist: Wenn du vorne die Dinger nicht machst, klingelt’s hinten. In der 27. Minute ging es blitzschnell. Der junge Vitor Niguez spielte einen Pass, der so präzise war, dass man fast glauben konnte, er habe vorher eine Vermessung des Rasens vorgenommen. Roberto Teixeira, gerade einmal 19 Jahre alt, nahm die Kugel mit der Selbstverständlichkeit eines Routiniers und schob sie eiskalt zum 0:1 ein. "Ich wollte ihn eigentlich lupfen", gestand Teixeira später lachend, "aber mein Fuß hatte wohl andere Pläne." Chetumal wirkte kurz geschockt, fing sich aber schnell. Silvestre Esclapez prüfte den Torwart (28.), Lancaster donnerte aus 20 Metern drüber (60.), und Bastian Roemmler gestikulierte an der Seitenlinie, als wolle er den Ball per Gedankenkraft ins Tor zwingen. "Wir haben uns Chancen im Dutzend erarbeitet", sagte der Coach später, "aber offenbar war da ein unsichtbarer Torwart mehr auf dem Platz." Nach der Pause blieb das Bild gleich: Atletico dominierte, America verteidigte clever. Salto brachte zur Halbzeit zwei frische Kräfte, wollte das 0:1 ins Ziel retten. "Wir wussten, dass sie irgendwann aufmachen werden", erklärte er. "Dann wollten wir den Sack zumachen." Doch der Sack blieb offen - und am Ende fiel das, was im Fußball so oft fällt, wenn man zu tief steht: das Gegentor. Die Schlussphase hatte alles, was ein Dramaturg liebt: gelbe Karten, verzweifelte Flanken, und ein Publikum, das bei jedem Ballkontakt den Atem anhielt. In der 94. Minute dann der Moment, für den Fans ins Stadion gehen. Silvestre Esclapez setzte sich rechts durch, flankte halb Schuss, halb Verzweiflung - und Eugenio Taverna, gerade erst in der 70. Minute eingewechselt, warf sich in den Ball. Kopf, Schulter, Knie - niemand wusste genau, welches Körperteil den Treffer erzielte, aber das Netz zappelte. 1:1. "Ich glaube, es war mein Ohr", witzelte Taverna später. "Aber Hauptsache, der Ball war drin." Der Jubel im Stadion war ohrenbetäubend, Roemmler riss die Arme hoch, als hätte er soeben die Meisterschaft gewonnen. Auf der anderen Seite stand Andres Salto regungslos da, die Hände in den Taschen, und murmelte etwas von "fehlender Cleverness". Am Ende fühlte sich das Unentschieden fast wie ein Sieg für Chetumal an und wie eine Niederlage für America. Die Statistiken unterstrichen das Gefühl: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Herzblut. Und doch zeigte sich wieder einmal, dass der Fußball nicht immer gerecht ist - oder vielleicht genau deshalb so schön. "Wir haben Charakter gezeigt", sagte Roemmler, als die Flutlichter schon gedimmt wurden. "Und Eugenio hat uns heute gezeigt, dass man nie zu spät kommen kann - zumindest nicht, wenn’s um Tore geht." Salto dagegen nahm es sportlich: "Wenn man in der 94. Minute einen kassiert, darf man sich nicht beschweren. Wir wollten zu viel Ruhe - und haben zu wenig Stress gemacht." So endete ein Abend, der alles andere als ruhig war. Atletico Chetumal bleibt damit im Mittelfeld der Tabelle, während Club America sich fragt, wie man ein Spiel, das man fast gewonnen hatte, noch aus der Hand geben konnte. Und irgendwo in Chetumal wird Eugenio Taverna diese Nacht wohl besonders gut schlafen - mit einem breiten Grinsen und vielleicht einem kleinen blauen Fleck am Ohr. 31.01.643994 18:22 |
Sprücheklopfer
Ich sehe einen positiven Trend: Tiefer kann es nicht mehr gehen.
Olaf Thon