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Ein kühler Märzmorgen in Umeå, Flutlicht, 21.294 Zuschauer und ein Fußballspiel, das an Tempo kaum Wünsche offenließ: Ersboda BK schlägt Hammarby FC mit 3:2 (2:1) und liefert dabei eine Vorstellung, die irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute älter geworden bin oder nur grauer", seufzte Ersboda-Trainer Piel Juergen nach dem Schlusspfiff - und traf damit wohl den Gefühlszustand der meisten Heimfans. Die Partie begann furios, mit offenem Visier auf beiden Seiten. Schon in der ersten Minute prüfte Kevin Engel den Hammarby-Keeper Diego Meireles - ein Warnschuss, der allerdings eher wie ein höfliches "Guten Abend" wirkte. Doch Hammarby antwortete prompt: In der 22. Minute zeigte Javier Valente, warum er als einer der gefährlichsten Mittelstürmer der Liga gilt. Nach Pass von Linksverteidiger (!) Christiano Poncela setzte er den Ball trocken ins Eck - 0:1. Juergen warf die Arme in die Luft, als wolle er den Fußballgöttern zurufen: "Nicht schon wieder so ein Start!" Doch Ersboda ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nur sieben Minuten später schlug Adam Hoskins zurück. Nach feinem Zuspiel von Paulus Ohlson traf der bullige Mittelstürmer zum Ausgleich. "Ich musste nur noch den Fuß hinhalten", grinste Hoskins später, "aber ich nehme das Lob natürlich trotzdem an." Kaum hatten die Fans den ersten Torjubel verdaut, klingelte es erneut: Jack Maxwell, der quirligste Linksmittelfeldspieler nördlich des Polarkreises, legte in der 32. Minute nach - erneut nach Vorlage von Ohlson. Das Stadion bebte, die Fans sangen, und Juergen nickte zufrieden, als hätte er die Weltformel des Offensivfußballs gefunden. Doch Hammarby blieb gefährlich. Ihre offensive Grundordnung (Trainer Pascal Tepe hatte von Anfang an auf Attacke gesetzt) sorgte immer wieder für Unruhe. Vor allem der 18-jährige Poncela, eigentlich als Verteidiger aufgestellt, spielte wie ein Flügelstürmer auf Speed. In der 47. Minute krönte er seine unorthodoxe Leistung: Nach Vorlage von Tim Hildebrandt zog er aus spitzem Winkel ab - Tor! 2:2. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Poncela später mit einem Lächeln zu, "aber hey, wenn’s reingeht, war’s Absicht." Das Spiel stand nun auf Messers Schneide. Gelbe Karten flogen wie Frühlingspollen - Uggla (41.), Nuno (53.), Abramson (63.), Larsson (68.) und Maurice (96.) sammelten sie ein wie Panini-Bilder. Keine bösen Fouls, aber reichlich Einsatz. "Wir wollten zeigen, dass wir da sind", erklärte Hammarbys Abwehrchef Abramson, der allerdings meinte, seine Verwarnung sei "ein Missverständnis zwischen mir, dem Ball und der Schwerkraft" gewesen. In der 71. Minute fiel dann die Entscheidung: Gerard Grenier zog nach feinem Doppelpass mit Asier Quaresma aus 20 Metern ab - 3:2! Ein Schuss wie ein Paukenschlag, halb Kunst, halb Wucht. Meireles streckte sich vergeblich, die Tribüne explodierte. "Ich hab nur gehofft, dass keiner merkt, dass ich eigentlich flanken wollte", grinste Grenier nach dem Spiel verschmitzt. Die letzten 20 Minuten waren ein wilder Ritt. Hammarby stürmte, Tepe brachte frische Kräfte (Agirre und Johnsson kamen für Hildebrandt und den jungen Kavanagh), doch Ersboda stemmte sich dagegen. Keeper Jesper Karlson hielt, was zu halten war, und Coach Juergen gestikulierte an der Seitenlinie, als würde er ein Orchester dirigieren. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen das Herz in die Hose stecken und den Kopf einschalten - oder war’s umgekehrt?", scherzte er später. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: 15 zu 13 Torschüsse, 51,5 Prozent Ballbesitz für Ersboda, eine Tacklingquote, die praktisch unentschieden war. Doch im entscheidenden Moment zeigte der Gastgeber den längeren Atem - und ein Quäntchen mehr Kaltschnäuzigkeit. Nach dem Spiel schritt Hammarby-Coach Tepe mit stoischer Miene in die Pressekonferenz. "Wir haben kein schlechtes Spiel gemacht", sagte er, "nur eben ein schlechteres Ergebnis." Dann lächelte er, als er Grenier vorbeigehen sah: "Aber wenn der so trifft, kann man nur applaudieren." Ersboda hingegen feierte ausgelassen. Hoskins und Maxwell posierten mit Fans, Grenier wurde fast auf Händen getragen. "Das war kein perfektes Spiel", fasste Juergen zusammen, "aber es war ehrlicher Fußball. Und ehrlich gesagt: So macht’s am meisten Spaß." Ein Abend also, der in Erinnerung bleibt - mit Toren, Gelben Karten und genügend Gesprächsstoff für die nächste Woche. Und irgendwo in Umeå wird noch jemand sagen: "Weißt du noch, damals, als der Linksverteidiger von Hammarby getroffen hat?" - Fußball schreibt eben die besten Pointen selbst. 30.07.643993 10:03 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund