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Es war ein lauer Freitagabend in Heraklion, 20:30 Uhr, Flutlicht, 27.000 Zuschauer - eigentlich perfekte Bedingungen für einen denkwürdigen Fußballabend. Und den bekamen sie auch, allerdings anders, als sich das die Fans von Ergotelsis vorgestellt hatten. Am Ende stand ein 2:5 gegen OFE Kreta auf der Anzeigetafel, und das Publikum schwankte zwischen Fassungslosigkeit, Galgenhumor und einem leichten Bedürfnis nach Raki. Dabei fing alles gar nicht so schlimm an. Nach 21 Minuten schlenzte Guillermo Yanez von OFE Kreta den Ball aus halblinker Position ins Netz, als hätte er das Tor schon beim Einlaufen abonniert. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der 23-Jährige später, "in meiner Heimat sagen wir: Wer nicht schießt, trifft auch nicht." Eine Weisheit, die sein Team an diesem Abend offenbar zur Mannschaftsphilosophie erhoben hatte. Doch Ergotelsis ließ sich zunächst nicht einschüchtern. Nur fünf Minuten später traf Simone Tomasi nach feinem Zuspiel von Timon Galakos zum Ausgleich. Das Stadion erwachte - und die Hoffnung gleich mit. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Ding!", schnaufte Trainer Pavlos Kyrgiakos (der sich nach dem Spiel lieber nicht blicken ließ, also zitieren wir ihn aus der Vorstellungskraft der Fans). Aber Kreta hatte andere Pläne. In Minute 30 kombinierte sich das Team von Coach Jeff Johnson elegant durchs Zentrum, Niklas Reiter schob nach Vorarbeit von Yanez zum 1:2 ein. "Das war wie ein Trainingsspiel", kommentierte Johnson trocken - und man glaubte ihm sofort. Doch Ergotelsis zeigte Moral. Archondis Alexiou, der rechte Mittelfeldrenner mit der Frisur eines griechischen Rockgottes, traf in der 38. Minute nach Vorarbeit von Ioakim Mitroglou zum 2:2. Halbzeitstand: 2:2 - und das Publikum feierte, als sei noch alles möglich. Die zweite Hälfte begann, als hätte OFE Kreta in der Pause einen Espresso intravenös bekommen. Erst traf Yanez erneut (50.), dann Blagoj Karaslawow (52.) - und die Defensive von Ergotelsis sah aus, als hätte sie sich für einen Moment in die Zuschauerreihen verabschiedet. "Wir standen zu weit weg", murmelte Innenverteidiger Karolos Ioannidis später. "Ja, ungefähr 20 Meter zu weit", ergänzte ein Kollege sarkastisch. Von da an spielte nur noch Kreta. Insgesamt 18 Torschüsse feuerten die Gäste ab - fast doppelt so viele wie die Gastgeber (10). Der Ballbesitz war mit 51 zu 49 Prozent zwar fast ausgeglichen, aber was nützt der schönste Ballbesitz, wenn der Gegner trifft und man selbst daneben schießt? In der 74. Minute sah Markos Kirastas Gelb, weil er offenbar vergessen hatte, dass Grätschen kein olympischer Kampfsport ist. Trainer Johnson nahm es gelassen: "Markos wollte nur zeigen, dass er auch noch da ist." Und als die Zuschauer schon Richtung Ausgang schielten, setzte Jose Couto in der 90. Minute den Schlusspunkt. Nach Vorarbeit von Manuel Da Cru drosch der junge Portugiese den Ball humorlos unter die Latte - 2:5. "Ich wollte einfach, dass der Schiri endlich pfeift", lachte Couto später. Ergotelsis hingegen versuchte zu retten, was zu retten war. In der Nachspielzeit noch ein letzter Schuss von Alexiou (96.), aber Torhüter Kian Boutin parierte souverän. Es passte zum Abend: Viel Einsatz, wenig Ertrag. Nach Abpfiff schwieg Trainer Jeff Johnson kurz, dann grinste er: "Wir haben offensiv gespielt, weil defensiv zu langweilig ist." Und das war keine Übertreibung. Das taktische Konzept - offensiv, aggressiv, schussfreudig - war nicht nur auf dem Papier zu erkennen. Bei Ergotelsis hingegen blieb alles "ausgewogen", wie es die Taktikdaten bescheiden nennen. So ausgewogen, dass man sich fragte, ob das Team den Unterschied zwischen "Balance" und "Stillstand" kennt. Das Publikum verabschiedete seine Mannschaft trotzdem mit Applaus - vielleicht aus Mitgefühl, vielleicht aus Verzweiflung. Ein älterer Fan rief: "Wir haben wenigstens schöner verloren!" Ein anderer antwortete: "Aber fünfmal!" Fazit: OFE Kreta nutzte jede sich bietende Gelegenheit, schoss aus allen Lagen und gewann verdient. Ergotelsis hatte zwar mehr Ballbesitz, aber weniger Ideen. Und so bleibt nur die Erkenntnis: Wer in Griechenlands 1. Liga so spielt wie Kreta an diesem Abend, darf träumen. Wer so verteidigt wie Ergotelsis, sollte lieber bald aufwachen. Oder wie es Guillermo Yanez nach dem Spiel zusammenfasste: "Es war einfach ein guter Tag zum Toreschießen." - Und ein schlechter, um sie zu verhindern. 21.04.643987 17:20 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002