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Dresden - 35.907 Zuschauer im Rudolf-Harbig-Stadion bekamen am Montagabend beim 3:2 (1:1) von Dynamo Dresden gegen die Kickers Wiedenbrück alles geboten, was ein würdiger Saisonauftakt braucht: frühe Schocks, späte Erlösungen, überforderte Abwehrreihen und den einen Mann, der einfach nicht aufhören konnte, aufs Tor zu ballern - Xabi Gome. Kaum hatte Schiedsrichter Wichmann die Partie angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Dresdner Netz. Drei Minuten waren gespielt, als Jacinto Garcez die Defensive der Sachsen eiskalt erwischte. Nach einem feinen Steilpass von Kai Hildebrandt schlenzte der Wiedenbrücker Rechtsaußen den Ball ins lange Eck. "Wir wollten gleich zeigen, dass wir keine Touristen sind", grinste Garcez später - und das tat er mit der Selbstzufriedenheit eines Mannes, der in Minute drei schon alles richtig gemacht hatte. Doch Dynamo reagierte, wie Dynamo eben reagiert, wenn man sie reizt: mit Wucht und leichtem Trotz. Nur vier Minuten später köpfte Innenverteidiger Felix Bruhn nach einer Ecke den Ausgleich. Der Jubel war laut, aber auch ein bisschen erleichtert - man hatte den Fehlstart gerade noch abgewendet. "Ich bin halt da, wenn andere noch sortieren", witzelte Bruhn in der Mixed Zone. Die erste Halbzeit blieb ein munteres Hin und Her. Wiedenbrück, von Trainer Dexter Morgan (ja, der Name sorgte für viele Stirnrunzler in der Pressekonferenz) auf Offensive getrimmt, suchte sein Glück im Konter. Dynamo dagegen dominierte den Ball (57,6 Prozent Ballbesitz) und schoss aus allen Lagen - ganz nach dem Motto: Wenn’s nicht schön geht, dann wenigstens oft. Und wie oft! 16 Torschüsse verzeichneten die Sachsen, und gefühlt zwei Drittel davon gingen auf das Konto von Xabi Gome. Der Linksaußen wirbelte, stolperte, lachte - und zog ab. In der 19. Minute, der 22., der 43. und dann wieder in der 63. - Gome hatte offenbar ein Abo auf Abschlüsse. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte Dynamo-Coach Dresden (ja, er heißt wirklich so) mit einem Schmunzeln. "Aber solange er trifft, darf er von mir aus auch aus der Kabine schießen." Nach der Pause wurde das Spiel härter. Wiedenbrück holte sich zwei Gelbe Karten in elf Minuten - zuerst Linksverteidiger Rhys Cumming (61.), dann Marwin Meister (71.). Dazwischen aber lag der erneute Schock für Dresden: Kai Hildebrandt traf in der 62. Minute zur 2:1-Führung der Gäste, nachdem er selbst das Zuspiel von Meister verwertet hatte. "Einmal haben wir das umgesetzt, was wir trainiert haben", seufzte Morgan später. "Leider nur einmal." Denn Dynamo antwortete prompt. Nur drei Minuten später zirkelte Alexander Lopez den Ball nach Vorlage von - natürlich - Xabi Gome ins rechte Eck. 2:2! Das Stadion bebte, die Fans sangen, und die Kickers sahen plötzlich aus, als wüssten sie nicht mehr, ob sie das Spiel gewinnen oder einfach nur überstehen wollten. Dann kam die 80. Minute - und endlich bekam Gome seinen verdienten Lohn. Nach feinem Zuspiel des jungen Jan Erdmann zog der Spanier (?) humorlos ab. 3:2! Der Ball im Netz, der Jubel ekstatisch. "Ich hab einfach weitergeschossen, bis er drin war", grinste Gome. "Das war kein Plan, das war Sturheit." Die letzten Minuten gehörten den Dresdnern, die mit starkem Pressing (erst in den Schlussminuten wirklich aktiv) und vollem Einsatz den Vorsprung über die Zeit brachten. Wiedenbrück wechselte noch den Torwart in der 90. Minute - Leon Ludwig ersetzte den erschöpften Paisis Eleftherakis. Ein kurioser Zug, den Morgan später mit einem Schulterzucken erklärte: "Paisis sagte, er könne nicht mehr. Ich sagte: Wir liegen hinten, das passt." Am Ende blieben drei Punkte in Dresden, ein müder Gegner und ein Publikum, das sich bestens unterhalten fühlte. Die Statistik sprach eine klare Sprache: mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, mehr Wille. Und ein Held, der kein Problem damit hat, es auch zu wissen. "Ich hab keine Angst vorm Abschluss", sagte Gome noch in der Mixed Zone und zwinkerte. "Eher vorm nächsten Interview." Trainer Dresden fasste es trocken zusammen: "Wir haben’s uns schwer gemacht, aber wenigstens nicht langweilig." Und genau so fühlte sich dieses Spiel an - wild, unterhaltsam, ein bisschen verrückt. Man könnte sagen, Dresden hat den Saisonauftakt bestanden. Man könnte aber auch sagen: Gome hat ihn gerettet. Beide Aussagen sind richtig - und beide machen den Fußball so schön unberechenbar. 22.11.643993 01:27 |
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Leichte Bälle zu halten ist einfach. Schwierige Bälle zu halten ist immer schwierig.
Otto Rehhagel