// Startseite
| Außenseiter |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Ein kalter Januarabend, Flutlicht über der Elbe, 3466 Zuschauer mit dampfenden Atemwolken - und mittendrin eine SG Dresden, die sich an diesem 15. Spieltag der Oberliga D gegen den FC Pinneberg nicht nur drei Punkte, sondern auch ein Stück Selbstvertrauen erkämpfte. 2:1 hieß es am Ende, ein Ergebnis, das sachlich klingt, aber ein kleines Drama in sich trägt. Schon nach acht Minuten bebte das Stadion. Mike Wilke, 33 Jahre jung und offenbar mit einer Vorliebe für frühe Großtaten, nahm einen abgefälschten Ball volley und drosch ihn ins Netz, als hätte er noch einen Termin. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste er später, "aber dann lag er plötzlich perfekt. Da musste ich ja was draus machen." Pinnebergs Keeper Samuel Menard sah aus, als suche er die Erklärung im Nebel - fand sie aber nicht. Und es kam noch dicker: In der 15. Minute bediente Dresdens Rechtsverteidiger Maximilian Breuer seinen Namensvetter Schubert mustergültig. Thomas Schubert, der nie ein Freund der leisen Töne war, schob zum 2:0 ein. "Ein klassischer Schubert: laut, direkt, effektiv", murmelte ein Fan auf der Tribüne, und man konnte es kaum besser sagen. Pinneberg wirkte überrascht, als hätte man ihnen statt eines Fußballspiels eine Matheklausur vorgelegt. Zwar hielten sie den Ball länger in den eigenen Reihen (am Ende 55 % Ballbesitz), aber es fehlte an Biss. Erst nach einer gelben Karte für Julius Baur in der 42. Minute - wegen eines rustikalen Einsteigens gegen den jungen Albert Zahinos - schien ein Funke Wut durch die Gäste zu gehen. Doch dann kam der Knackpunkt: In der 28. Minute verletzte sich Pinnebergs Innenverteidiger Georg Brückner ohne Fremdeinwirkung. "Zehn Jahre altes Knie, junges Herz - das passt manchmal nicht mehr zusammen", erklärte er später sarkastisch. Trainer Hartwig musste reagieren und brachte Justin Schmitt, der sich sofort in die Partie warf. Nach der Pause war Pinneberg nicht wiederzuerkennen. Offensiver, entschlossener - und tatsächlich erfolgreich. In der 52. Minute flankte Linksverteidiger Kay Hartung butterweich auf Karl Bartsch, der sich mit 22 Jahren und jugendlicher Unbekümmertheit in die Luft schraubte und den Anschlusstreffer erzielte. "Ich wollte eigentlich köpfen", lachte Bartsch, "aber mein Fuß war zuerst da." 2:1 - plötzlich war Leben in der Bude. Dresden wankte, aber fiel nicht. Torhüter Stefan Probst, 34, parierte in der 62. Minute spektakulär gegen Daniel Jahn und schrie danach seine Abwehr so an, dass selbst die Ballkinder kurzzeitig den Dienst einstellten. "Das war kein Anschiss, das war Motivation", erklärte Probst später mit einem Augenzwinkern. Dann die Schrecksekunde für die Gastgeber: Oscar Ludwig, der agile Rechtsmittelfeldspieler, blieb nach einem Sprint in der 64. Minute liegen - Muskelverletzung. Trainer Maik Köppe reagierte sofort und brachte den 20-jährigen Pauel Van Antwerp. "Pauel hat noch Milchzähne, aber ein Herz wie ein Löwe", lobte Köppe hinterher. Und tatsächlich: Der Youngster rannte, kämpfte und störte, als hinge sein Leben davon ab. Pinneberg drückte in der Schlussphase, kam durch Baur (82.) und Hoffmann (91.) noch zu gefährlichen Abschlüssen - aber das Tor blieb vernagelt. Dresden konterte lieber mit kontrolliertem Chaos: Wilke prüfte in der 73. Minute erneut Menard, Zahinos setzte in der 88. Minute noch einen drauf. "Wenn der noch reingeht, geh ich barfuß nach Hause", soll ein Zuschauer gerufen haben. Er konnte beruhigt in Schuhen bleiben. Am Ende jubelte Dresden über einen Arbeitssieg, der vielleicht nicht schön, aber ehrlich war. "Wir haben gefightet, das war kein Ballettabend", sagte Trainer Maik Köppe und strich sich mit einem breiten Grinsen die Mütze zurecht. "Und wenn wir mal wieder so anfangen wie heute, halte ich sogar die zweite Halbzeit durch, ohne Magentablette." Die Statistik spricht eine eigene Sprache: 9:7 Torschüsse, 51 % gewonnene Zweikämpfe für Dresden, aber weniger Ballbesitz. Doch was zählen Zahlen, wenn Leidenschaft das Spiel gewinnt? Man verließ das Stadion mit kalten Füßen, aber warmem Herzen. Und irgendwo zwischen der Bratwurstbude und dem Parkplatz hörte man einen Dresdner Anhänger sagen: "Wenn sie immer so kämpfen, darf’s auch mal hässlich sein." Ein Satz, der wohl auch in die Kabine fand - eingerahmt zwischen Schweiß, Spott und drei Punkten. 11.07.643987 01:19 |
Sprücheklopfer
Leichte Bälle zu halten ist einfach. Schwierige Bälle zu halten ist immer schwierig.
Otto Rehhagel