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Es war einer dieser Abende, an denen 3355 frierende, aber unbeirrbare Zuschauer im Dresdner Stadion nicht wussten, ob sie sich lieber an einem Glühwein oder an der Hoffnung wärmen sollten. Am Ende blieb beides lauwarm: Die SG Dresden und der SV Babelsberg trennten sich zum Auftakt der Verbandsliga H mit einem 1:1 (0:1). Schon in der elften Minute hatte es im Dresdner Strafraum geklingelt. Karl John, der 32-jährige Babelsberger Linksaußen mit der Eleganz eines alten Haudegens und der Wucht eines Presslufthammers, vollendete einen Pass von Carsten Blume zum 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten. Der Ball war so schön rund, da konnte ich nicht widerstehen", grinste John später - und hatte damit die Dresdner Abwehr kurzzeitig zum Statistenensemble degradiert. Trainer Maik Köppe an der Dresdner Seitenlinie raufte sich den Bart. "Wir wollten mutig nach vorn spielen, aber mutig heißt nicht selbstmörderisch", knurrte er nach dem Spiel. Seine Elf war nämlich mit einer klar offensiven Ausrichtung gestartet - und bekam prompt den Konter ins eigene Herz. Doch Dresden wäre nicht Dresden, wenn man sich von einem frühen Rückstand aus der Bahn werfen ließe. Die Hausherren hatten über die gesamte Partie 51 Prozent Ballbesitz und feuerten stolze zwölf Schüsse auf das gegnerische Tor ab, während Babelsberg sich mit sechs begnügte. Nur: Zählbares sprang zunächst nicht heraus. Mal segelte der Ball in die Nacht, mal stand Babelsbergs Keeper Patrick Haag dort, wo ein Torwart eben stehen sollte. In der 45. Minute brachte Köppe frischen Wind: Der 20-jährige Robin Krebs kam für den erfahrenen Thomas Schubert - ein Wechsel, der später zum Glücksgriff werden sollte. Zunächst wirkte der Youngster jedoch eher wie jemand, der im falschen Film gelandet war. "Ich war so aufgeregt, dass ich fast beim Einlaufen gestolpert wäre", erzählte Krebs lachend. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte: Dresden drückte, Babelsberg verteidigte - und zwar nicht schlecht. Karl John blieb der gefährlichste Mann der Gäste, schoss in der 56. Minute noch einmal scharf aufs Tor, doch Dresdens junger Keeper Jens Kurz war zur Stelle und kratzte den Ball mit den Fingerspitzen von der Linie. Dann die 68. Minute: Markus Meyer, Dresdens Innenverteidiger, geht nach einem Zweikampf zu Boden - Verletzung, Auswechslung. Köppe reagiert und bringt Ernst Witte. Babelsberg wittert kurzzeitig die Chance, das 2:0 nachzulegen, doch dann kippt das Spiel. Nur eine Minute später, in der 69. Minute, rollt ein Angriff über den rechten Flügel: Der 18-jährige Andrew Prentiss, ohnehin einer der auffälligsten Dresdner, zieht an, flankt präzise in den Strafraum - und Robin Krebs steht da, wo ein Stürmer stehen muss. Ein kurzer Blick, ein Schuss, ein Tor. 1:1. Die Tribünen erwachen aus dem Winterschlaf. "Ich hab nur gedacht: Bitte, Ball, enttäusch mich nicht", sagte Krebs nach dem Spiel. Der Ball enttäuschte nicht. Von da an war Dresden am Drücker. Schüsse in Serie - Van Antwerp (67.), Krebs (70.), Fleischer (71.) - doch das Netz wollte kein zweites Mal wackeln. Babelsberg zog sich tief zurück, stellte auf Sicherheitsfußball um und hoffte, dass der Schlusspfiff schneller kommen würde als der nächste Dresdner Angriff. In der Nachspielzeit hatte Yanik Schultz noch die große Chance auf den Sieg. Sein Schuss in der 91. Minute - scharf, gezielt, aber eben doch direkt in die Arme von Haag. Der Torwart ließ sich danach auffällig viel Zeit beim Abstoß. "Ich hab nur kurz nachgedacht, wie schön 1:1 eigentlich ist", witzelte Haag später mit einem Augenzwinkern. Statistisch gesehen war Dresden das aktivere Team: Mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, bessere Zweikampfquote (53,7 Prozent). Doch das Fazit blieb nüchtern. Köppe fasste es zusammen: "Wir haben Moral gezeigt, aber Moral schießt eben nur manchmal Tore." Sein Babelsberger Gegenüber, der sich die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt hatte, nickte zufrieden: "Ein Punkt in Dresden - da kann man leben. Auch wenn’s weh tut, dass wir den Sieg verschenkt haben." Und so endete der erste Spieltag der Verbandsliga H mit einem Remis, das keiner wollte, aber beide wohl verdient hatten. Dresden zeigte Herz, Babelsberg Routine - und die Zuschauer bekamen immerhin eine Geschichte, die sie beim nächsten Stammtisch mit leuchtenden Augen erzählen können. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne brummte, als das Flutlicht erlosch: "Wenn sie so weitermachen, wird das noch eine lange, aber unterhaltsame Saison." 29.05.643990 22:00 |
Sprücheklopfer
Leichte Bälle zu halten ist einfach. Schwierige Bälle zu halten ist immer schwierig.
Otto Rehhagel