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Ein kalter Januarabend in Stockholm, Flutlicht, 19.173 Zuschauer - und ein Spiel, das so gar nicht zur Jahreszeit passen wollte: heiß, hektisch, schweißtreibend. Djurgarden FF und Ersboda BK trennten sich am 18. Spieltag der 1. Liga Schweden mit 1:1 (0:0), doch das Ergebnis erzählt nur die halbe Geschichte. Denn während Djurgarden den Ball liebte - 57 Prozent Ballbesitz, gepflegtes Kurzpassspiel, viel Geduld -, verliebte sich Ersboda in die Torschüsse. Ganze 21 Mal feuerten die Gäste auf den Kasten von Ivar Johansson, der irgendwann wohl dachte, er stehe im Paintballfeld und nicht im Tor. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", grinste Johansson nach der Partie. "Aber sie hätten mir ruhig ein paar Warnschüsse weniger gönnen können." Dabei begann alles recht unspektakulär. Die erste Halbzeit war ein Lehrstück in skandinavischer Geduld - viel Mittelfeldgeplänkel, einige harmlose Abschlüsse. Ersbodas Stürmer Adam Hoskins prüfte Johansson bereits in der siebten Minute, dann gleich wieder in der achten, der neunten und der zehnten. Man hätte meinen können, Hoskins habe eine Wette laufen, wie oft er in zehn Minuten aufs Tor schießen kann. Karl Henriksson, Djurgardens Innenverteidiger und späterer Held des Abends, kommentierte trocken: "Wir haben uns gedacht: Wenn er trifft, dann wenigstens verdient." Doch Hoskins traf nicht - sein Teamkollege Paulus Ohlson tat es in der 49. Minute. Nach feiner Vorarbeit von Gudmund Henriksson tauchte Ohlson auf der rechten Seite auf, zog einfach mal ab - und siehe da, das Leder zappelte im Netz. 0:1, und die gut 200 mitgereisten Ersboda-Fans sangen sich die Kälte aus den Knochen. Trainer Piel Juergen ballte die Faust, blickte auf seine Uhr und murmelte, man möge "jetzt bitte mal das Fußballspielen nicht vergessen". Djurgarden zeigte sich geschockt, aber nur kurz. In der 64. Minute trat ein Mann auf den Plan, den man dort eher in der Abwehr als vor dem Tor erwartet: Karl Henriksson. Nach einer Ecke von Alexandre Boissieu stieg der 33-Jährige höher als alle anderen - und wuchtete den Ball per Kopf ins Netz. 1:1, und der altehrwürdige Stockholmer Rasen bebte. "Ich wollte eigentlich nur aufräumen hinten, aber wenn ich schon da bin...", lachte Henriksson später. Das Tor belebte die Hausherren, die nun endlich zeigten, warum sie so viel Ballbesitz hatten. Doch Ersboda blieb mit schnellen Kontern gefährlich. Immer wieder tauchte René Schüler auf der linken Seite auf, schoss in der 79., 85. und 87. Minute - aber Johansson war da, oder das Aluminium half. Dann die Nachspielzeit: Paulus Carlsen, Djurgardens junger Linksverteidiger, flog nach einem ungestümen Einsteigen mit Rot vom Platz. 95. Minute, ein letztes Aufbäumen der Gäste - doch der Schlusspfiff machte dem Drama ein Ende. "Wir hätten das Spiel früher entscheiden müssen", ärgerte sich Ersboda-Coach Piel Juergen nach dem Abpfiff. "Aber wenn du 21 Schüsse brauchst für ein Tor, dann darfst du dich über ein 1:1 nicht wundern." Sein Gegenüber, Djurgardens Trainer Anders Lundqvist, nahm’s mit Humor: "Wir wollten den Fans was fürs Eintrittsgeld bieten - Spannung bis zur letzten Sekunde. Hat ja geklappt." Statistisch betrachtet war Ersboda das aktivere Team, aber Djurgarden das abgeklärtere. Während die Gäste im Angriff ein Feuerwerk abbrannten, hielten die Hausherren den Ball in den eigenen Reihen und vertrauten auf ihre defensive Stabilität. 44,6 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Djurgarden - nicht berauschend, aber effektiv genug. Die Zuschauer jedenfalls gingen zufrieden nach Hause. "Ein Torwart, der fliegt, ein Verteidiger, der trifft, und ein Rotsünder - was will man mehr?", meinte ein älterer Herr auf der Tribüne, der sich als Djurgarden-Fan der ersten Stunde outete. Und so bleibt am Ende ein 1:1, das beiden irgendwie schmeckt und doch keinem so richtig. Ersboda darf sich fragen, wie man mit 21 Schüssen nur einmal trifft, während Djurgarden wohl froh ist, dass man überhaupt einmal traf. Fazit: Ein Spiel, das man so schnell nicht vergisst - nicht wegen des Ergebnisses, sondern wegen seiner Kuriositäten. In den Katakomben hörte man Karl Henriksson noch sagen: "Wenn’s nächste Woche wieder so läuft, stell ich mich gleich in den Sturm." Man darf gespannt sein. (606 Wörter) 15.08.643987 12:11 |
Sprücheklopfer
Es ist wichtig, dass man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt.
Lothar Matthäus