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Es war ein Geduldsspiel, ein Gedränge, ein Drama der verpassten Chancen - bis Nelson Figo in der 75. Minute endlich den Bann brach und die Diablos Guadalajara vor 57.341 Zuschauern in der eigenen Hölle mit 1:0 gegen Indios Juarez zum Sieg schoss. Der 18. Spieltag der 1. Liga Mexico brachte damit ein Ergebnis, das nüchtern aussieht, aber emotional die komplette Bandbreite bot: von kollektiver Verzweiflung bis zu eruptivem Jubel. Schon nach 60 Sekunden deutete sich an, dass die Diablos den Ton angeben wollten. Der junge Caio Delgado prüfte den gegnerischen Keeper Joao Caneira - und das war nur der Anfang eines Abends, an dem Juarez’ Torwart mehr zu tun hatte als ein Barkeeper in der Mitternachtsschicht. Ganze 20 Torschüsse verzeichnete Guadalajara, während die Indios mit einem einzigen Versuch eher den Eindruck erweckten, sie seien zu einer Stadtrundfahrt angereist. Trainer Ralf Mr, sonst kein Mann der großen Worte, grinste nach dem Abpfiff: "Wenn du 19 Mal danebenhaust, dann denkst du irgendwann: der Fußballgott hat heute Siesta. Aber Nelson hat ihn wohl geweckt." Dieser Nelson Figo, 27 Jahre jung und auf der linken Seite ein Dauerläufer mit der Eleganz eines Tänzers und der Geduld eines Uhrmachers, hatte schon mehrfach gefährlich gewirkt. Als er in der 75. Minute den Ball von Luis Wendt zugespielt bekam, zögerte er keine Sekunde - strammer Schuss, Innenpfosten, Tor. Das Stadion explodierte, die Diablos-Bank gleich mit. "Luis hat’s mir leicht gemacht", meinte Figo später bescheiden, "ich musste nur noch zielen - und hoffen, dass diesmal keiner im Weg steht." Ein Satz, der das Spiel treffend zusammenfasst. Denn über weite Strecken standen Juarez’ Verteidiger und ihr Keeper buchstäblich im Weg, während Guadalajara anlief, flankte, kombinierte und scheiterte. Hinten, so ehrlich muss man sein, hatten die Diablos allerdings wenig zu tun. Nur einmal, in der 65. Minute, kam Caio Pinto für Juarez gefährlich zum Abschluss - ein laues Lüftchen, das Torwart Hanson Wendell mit einem Gähnen abwehrte. "Ich war froh, dass ich wenigstens einmal was anfassen durfte", witzelte der Keeper anschließend. Die Statistik untermauert die Einseitigkeit: 50,4 Prozent Ballbesitz für Guadalajara, also nahezu Gleichstand, aber die Torschussbilanz von 20:1 sprach Bände. Tacklingquote? 59 Prozent zugunsten der Diablos - sinnbildlich für ihre Entschlossenheit, den Ball zurückzuerobern, sobald er einmal verloren ging. Ralf Mr hatte sein Team offensiv ausgerichtet, von Beginn an. Kein Pressing, aber ein stetiges Anlaufen - wie eine Welle, die immer wieder an den Strand donnert. Indios-Trainer, der nach dem Spiel keine großen Worte machen wollte, murmelte nur: "Manchmal verteidigst du 74 Minuten lang gut - und dann erinnert sich der Gegner daran, dass er Fußball spielen kann." Besonders auffällig: der ungestüme Caio Delgado. Der 20-Jährige schoss gefühlt auf alles, was rund war. Zwischen der 70. und 88. Minute feuerte er gleich siebenmal aufs Tor - ohne Erfolg, aber mit unerschütterlichem Selbstvertrauen. "Ich hab mir vorgenommen, irgendwann treffe ich schon", sagte Delgado lachend, "vielleicht nächste Woche." Die Zuschauer genossen das Spektakel - zumindest die, die auf Seiten der Diablos standen. Auf den Rängen wurde getanzt, gepfiffen, geflucht und gejubelt. Ein älterer Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt: "Wenn die Jungs so weiterspielen, krieg ich noch Bluthochdruck - aber wenigstens mit Stil!" Auch taktisch blieb es interessant: Während Guadalajara bis zur letzten Minute offensiv blieb, verzichteten die Indios konsequent auf Pressing und suchten ihr Heil im geordneten Rückzug. Das Ergebnis: ein Spiel, das sich fast ausschließlich in der Juarez-Hälfte abspielte - mit Ausnahme jener einen Szene von Pinto. In den Schlussminuten wechselte Ralf Mr noch fröhlich durch: Olazabal ging, Caneira kam, später durfte auch Archie Valentine ran und zeigte mit einem satten Schuss in der 83. Minute, dass er Lust auf mehr hat. Doch der Ball rauschte knapp über die Latte - ein weiterer Beweis, dass die Diablos an diesem Abend lieber Spannung als Komfort boten. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel den Spielern sichtbar ein Stein vom Herzen. Figo umarmte seinen Trainer, Delgado klopfte sich lachend auf den Oberschenkel, und die Fans sangen sich die Seele aus dem Leib. Ralf Mr resümierte trocken: "Ein 1:0 ist wie ein Espresso - kurz, stark, und du vergisst den bitteren Nachgeschmack schnell." Vielleicht kein glanzvoller Sieg, aber ein hochverdienter. Guadalajara bleibt damit im Rennen um die oberen Tabellenplätze, während Juarez den langen Heimweg mit der Frage antreten darf, ob man mit einem einzigen Torschuss wirklich Punkte holen kann. Und wer weiß - vielleicht träumt Nelson Figo heute Nacht noch einmal von seinem Schuss. Und der Fußballgott, frisch aus der Siesta erwacht, lächelt zufrieden. 15.08.643987 10:58 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft