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Manchmal fühlt sich Fußball eher wie ein Drehbuch von Quentin Tarantino an: viel Drama, Blut gab es keins (zum Glück), aber reichlich Emotionen, Gelb, Gelb-Rot und sieben Tore. Atletico Cucuta besiegte am Freitagabend vor 58.708 ekstatischen Zuschauern die Gäste von Les Milionaros mit 4:3 - ein Spiel, das jede Achterbahn vor Neid erblassen ließ. Es begann, wie es sich die Heimfans wünschen: Oscar Murray traf in der 12. Minute nach Vorlage von Bruno Gomes zum 1:0. "Ich hab einfach den Fuß hingehalten und gehofft, dass er nicht in den Oberrang fliegt", grinste Murray nach dem Spiel. Nur fünf Minuten später legte Jorge Mascarenhas nach - diesmal bedient von Murray selbst. Wer zu diesem Zeitpunkt dachte, das würde ein gemütlicher Abend werden, hatte die Rechnung ohne Cesare Zuliani und Georgi Iliew gemacht. Les Milionaros, die von Rodrigo Rodriguez gewohnt offensiv eingestellt waren, drehten auf. Zuliani verkürzte in der 33. Minute, dann schlug Iliew doppelt zu (42. und 45.). Und plötzlich war aus einem komfortablen 2:0 ein 2:3 geworden - und Trainer Felix Eckball wirkte an der Seitenlinie, als würde er innerlich Tabellenkalkulationen betreiben. "In der Halbzeit habe ich den Jungs gesagt: Wenn ihr schon Geschenke verteilt, dann wenigstens hübsch verpackt", kommentierte Eckball später mit einem sarkastischen Lächeln. Die zweite Halbzeit begann, als hätte Cucuta alle taktischen Handbücher ins Feuer geworfen. Pressing? Jetzt ja. Laufbereitschaft? Plötzlich wieder vorhanden. Und Belohnung folgte prompt: Corey Hayman glich in der 56. Minute nach Vorarbeit von Florian Van Royen aus. Nur fünf Minuten später war es dann Bruno Gomes selbst, der nach Pass von Vicente Meira zum 4:3 einschoss - der endgültige Wendepunkt. "Ich habe einfach gespürt, dass der Ball mich wollte", witzelte der 34-jährige Gomes, dem man die Freude über den Sieg in jeder Falte ansehen konnte. Cucuta spielte fortan wie beflügelt, während die Gäste zunehmend die Nerven verloren. Drei Gelbe Karten sammelten sie zwischen Minute 62 und 69, und in der Nachspielzeit sah Rechtsverteidiger Diego Dominguez auch noch Gelb-Rot - ein passender Schlusspunkt für eine hitzige Partie. Statistisch war das Spiel fast ausgeglichen: 50 Prozent Ballbesitz für Cucuta, 49 für Milionaros. Doch bei den Torschüssen hatte das Heimteam mit 13:6 klar die Nase vorn. Und wer 13-mal aufs Tor schießt, darf sich am Ende wohl auch über vier Treffer freuen. In den letzten Minuten lag der Ball mehr in der Luft als auf dem Rasen. Ramon Pacos prüfte den Gästetorhüter mehrfach, Mascarenhas donnerte in der Nachspielzeit noch einen Schuss knapp über die Latte. Auf der anderen Seite versuchte Iliew vergeblich, seinen Hattrick zu komplettieren - stattdessen blieb er an Nael Manu, Cuctas Keeper, hängen, der sich in den Schlussminuten zum Helden aufschwang. Ein kleiner Schreckmoment in der 82. Minute: Florian Van Royen musste verletzt vom Platz. Er wurde durch den erfahrenen Adriano Couto ersetzt, der nach Abpfiff trocken meinte: "Ich kam rein, um das Chaos zu ordnen - naja, ich habe wenigstens nichts kaputtgemacht." Trainer Eckball fasste das Spiel später so zusammen: "Wenn man 2:0 führt und 2:3 hinten liegt, muss man verrückt genug sein, trotzdem weiter nach vorne zu spielen. Zum Glück sind wir genau das." Sein Gegenüber Rodriguez wirkte weniger amüsiert: "Wir haben das Spiel kontrolliert, dann verloren - das ist Fußball, aber es fühlt sich an wie ein schlechter Witz." Die Fans in Cucuta sahen das naturgemäß anders. Noch lange nach dem Abpfiff hallten Gesänge durch das Stadion, als hätte man gerade die Meisterschaft gewonnen. Vielleicht war es nur ein Sieg am 12. Spieltag der 1. Liga Kolumbien, aber einer, der sich anfühlte wie ein Statement: Atletico Cucuta lebt - laut, wild und unberechenbar. Und irgendwo zwischen der Euphorie und dem Adrenalin blieb auch ein Rest Realität: Drei Gegentore in einer Halbzeit sind kein Ruhmesblatt. Doch wenn man am Ende 4:3 gewinnt, darf man das getrost als "Charaktertest bestanden" verbuchen. Oder, wie Bruno Gomes es formulierte: "Manchmal musst du erst brennen, um wieder hell zu leuchten." Ein passendes Motto für einen Abend, an dem Fußball wieder einmal das schönste Chaos der Welt war. 18.03.643994 18:17 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer