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Wer am Montagabend ins Clarendon-Stadion pilgerte, bekam für sein Eintrittsgeld mehr geboten als so mancher Kinobesucher. 40.000 Zuschauer erlebten beim 12. Spieltag der 1. Liga Jamaica ein wildes 4:3 zwischen Clarendon Sporting und den Buff Bay Saints - ein Spiel, das man getrost unter "defensiv fragwürdig, aber herrlich unterhaltsam" abheften darf. Schon nach fünf Minuten rieben sich die Heimfans die Augen: Buff Bays Flügelflitzer Ewan Eliot traf nach Vorarbeit von Ezequiel Guillen eiskalt zum 0:1. Trainer Melly Melandis sprang an der Seitenlinie wie ein euphorisierter Derwisch - und das völlig zu Recht. "Wir wollten Clarendon kalt erwischen. Hat ja funktioniert… zumindest für zwei Minuten", grinste er später süffisant. Denn kaum hatte der Stadionsprecher das 0:1 verkündet, glich Clarendons Routinier Lars Miller nach Vorarbeit von Jakob Schuster zum 1:1 aus (7.). Es war der Auftakt zu einem Fußballabend ohne Sicherheitsgurt. Die Abwehrreihen beider Teams wirkten, als hätten sie sich auf ein Gentlemen’s Agreement verständigt: Angriff ist die beste Verteidigung. In der 13. Minute schlug Buff Bay erneut zu - diesmal bediente Eliot seinen Kollegen Guillen, der das 1:2 markierte. Nur zwei Minuten später antwortete Clarendon in Person von Marcel Amyot (15.), dem Torjäger mit dem feinen linken Fuß. Der Franzose traf nach Flanke von Ryan Hennessy, als wolle er sagen: "Ich kann das auch." Amyot blieb der prägende Mann der ersten Hälfte. In der 34. Minute legte er nach - nach einem butterweichen Pass von Jorgen Gulbrandsen. 3:2 für Clarendon, Halbzeitstand, und die Fans sangen inbrünstig, während Buff Bays Verteidigung wohl ins Grübeln kam. Zur Pause ging es in den Katakomben lautstark zu. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen den Ball sehen wie eine heiße Kartoffel - schnell loswerden, bevor’s weh tut", scherzte Clarendons Co-Trainer später. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, setzte Dylan Ross die Kirsche auf die Torte: In der 47. Minute verwandelte der 22-Jährige nach Amyot-Vorlage zum 4:2. Der Youngster rannte jubelnd zur Eckfahne, wo Amyot ihn überschwänglich umarmte. "Marcel hat mir nur zugerufen: ’Mach ihn einfach rein!’ - also hab ich", lachte Ross nach dem Spiel. Buff Bay gab sich allerdings nicht geschlagen. Mit Kampfgeist, etwas Verzweiflung und viel Herz stemmten sie sich gegen die Niederlage. In der 78. Minute wurde Mittelfeldmotor Harvey Jones verletzt ausgewechselt - ein herber Dämpfer. Trotzdem gelang in der 88. Minute noch der Anschluss: Martin Geissler traf nach Vorarbeit von Joshua Carter zum 4:3. Plötzlich zitterte Clarendon. Die letzten Minuten glichen einem kollektiven Herzklopfen. Buff Bay warf alles nach vorne, Torhüter Thomas Mayhew stand bei einer Ecke mit im Strafraum, und Clarendons Fans hielten kollektiv den Atem an. Doch der Ausgleich wollte nicht mehr fallen. Statistisch gesehen war es ein Duell auf Augenhöhe: Clarendon mit 53,7 Prozent Ballbesitz und zehn Torschüssen, Buff Bay mit acht Abschlüssen - beide Teams offensiv, beide mit offenem Visier. Die Zweikampfquote von 51 zu 49 Prozent unterstreicht, wie ausgeglichen dieses Spektakel war. Nach Abpfiff wirkte Clarendons Trainer (der sich weigerte, über seine Taktik zu sprechen) erleichtert, aber etwas zerzaust. "Ja, wir waren offensiv ausgerichtet - das sieht man an den grauen Haaren, die ich jetzt mehr habe", meinte er lachend. Melandis von Buff Bay hingegen blieb gelassen: "Wenn du auswärts drei Tore machst und trotzdem verlierst, dann weißt du, dass der Fußball heute einfach Spaß haben wollte - nur nicht mit dir." Die Fans verabschiedeten beide Teams mit Applaus. Es war eines jener Spiele, die man weder vergessen noch vernünftig erklären kann - außer vielleicht so: Zwei Mannschaften beschlossen, dass Verteidigen überbewertet ist. Zum Schluss stand ein 4:3 (3:2), das Clarendon Sporting drei Punkte und Buff Bay Saints ein paar graue Haare bescherte. Und irgendwo zwischen den Tribünen murmelte ein Zuschauer: "Wenn das so weitergeht, brauch ich für die nächsten Heimspiele Herztabletten." Ein Abend, der wieder einmal bewies, warum wir Fußball lieben - wegen solcher Nächte, in denen selbst die Statistik nur staunen kann. 05.06.643987 20:48 |
Sprücheklopfer
Ich will jetzt nicht noch zusätzlich Feuer ins Öl gießen.
Friedel Rausch