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Manchmal fragt man sich, ob eine Mannschaft überhaupt auf dem Platz war. Beim 6:0‑Kantersieg von CD Sao Paulo über ein völlig überfordertes Natal ABC am 34. Spieltag der 1. Liga Brasilien war die Antwort eindeutig: Ja, zumindest formal standen elf Gäste auf dem Rasen. Spielerisch hingegen war das Ganze eher eine Lehrstunde - in Demut. Schon nach sieben Minuten begann das Unheil: William Lujan, jung, schnell, mit dem Selbstbewusstsein eines Straßenkickers aus der Copacabana, traf nach Vorarbeit von Thierry Turcotte zum 1:0. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Lujan später, "aber dann dachte ich mir: Ach, der Ball weiß schon, wo er hinmuss." Der Ball wusste es tatsächlich. Nur fünf Minuten später legte Antonio Jorge los - und wie! Der bullige Mittelstürmer traf in der 12. Minute nach klugem Pass von Louis Schrader zum 2:0. Ein Tor, das so sauber herausgespielt war, dass die Zuschauer kurz vergaßen, dass das hier Profifußball und nicht Ballett war. Danach schnürte Jorge den Dreierpack in der ersten Halbzeit mit einem Treffer in der 43. Minute, assistiert von Peter Michaelsen. 3:0 zur Pause, und die Fans von Sao Paulo begannen bereits, in der 40. Minute "olé" zu rufen - ein sicheres Zeichen, dass der Abend für die Gäste noch lang werden würde. Trainer Pat Kick stand an der Seitenlinie und kaute auffällig gelassen an seinem Kaugummi. "Ich hab den Jungs gesagt: Macht’s ordentlich, aber lasst den Gegner leben. Sie haben das mit dem ersten Teil verstanden", lachte er später. Nach dem Seitenwechsel ging es weiter im gleichen Takt. Kaum war der Rasen wieder betreten, klingelte es erneut: 48. Minute, wieder Antonio Jorge - diesmal nach Vorlage des unermüdlichen Turcotte. Natal‑Keeper Vicente Derlei sah dabei aus, als hätte er gerade beschlossen, dass er lieber Bäcker geworden wäre. Jorge hatte aber noch nicht genug. In der 57. Minute machte er sein viertes Tor - diesmal flankte Gunnar Bengtsson, und Jorge nickte seelenruhig ein. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", erklärte er danach, "aber die Jungs auf der Bank haben mich immer wieder daran erinnert." Die Gäste hatten in dieser Phase ganze zwei Torschüsse - bezeichnend, dass einer davon in der 89. Minute kam, als Fernando de Almeida, 17 Jahre jung, einfach mal draufhielt. Der Heimtorwart Pedro Morais fing den Ball allerdings so locker, als hätte ihm jemand ein Souvenir zugeworfen. Ein wenig Farbe bekam das Spiel durch insgesamt vier Gelbe Karten - zwei für Sao Paulo (Pierre Bouchard in der 42., Peter Michaelsen in der 59.) und zwei für Natal (Leon Jaeger in der 45., Nelio Sousa in der 67.). Besonders Bouchard nahm es sportlich: "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch wach bin", scherzte er. Und dann kam die 88. Minute. Natürlich - wer sonst - Antonio Jorge. Nach schöner Flanke des eingewechselten Rechtsverteidigers Joshua Badham drosch er den Ball unter die Latte. 6:0. Das Stadion bebte, 47.410 Zuschauer standen, klatschten, sangen, tanzten. Die wenigen Fans von Natal ABC? Schweigend, vielleicht schon auf der Suche nach dem Ausgang. Statistisch war das Spiel eine Einbahnstraße: 19 Torschüsse für CD Sao Paulo, gerade einmal zwei für Natal. 62,5 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, Tackling‑Quote 58 Prozent - und das alles mit einer Mannschaft, die laut Trainer Kick "nicht mal an die Leistungsgrenze musste". Auf der anderen Seite wirkte Trainer Jimm Baum nach dem Spiel so, als wolle er sofort in den nächsten Bus steigen. "Was soll ich sagen? Wir haben versucht, auf Konter zu spielen, aber dafür braucht man den Ball", sagte er trocken. Seine Spieler nickten betreten. Taktisch blieb Sao Paulo über die gesamten 90 Minuten bei einem ausgewogenen Stil, ohne großes Pressing, aber mit tödlicher Effizienz vor dem Tor. Natal ABC hingegen wollte offensiv kontern - ein Paradoxon, das sich spätestens beim 0:4 in pure Ratlosigkeit verwandelte. Am Ende feierte Sao Paulo ein perfektes Fußballfest mit einem Torjäger, der einen unvergesslichen Abend erlebte. "Fünf Tore?", fragte Antonio Jorge in der Mixed Zone, "das war Teamarbeit. Naja, fast." Ein sarkastisches Schlusswort? Vielleicht dies: Wenn Natal ABC so weitermacht, könnte die Mannschaft bald in der Liga spielen, in der selbst der Ball Mitleid hat. Für CD Sao Paulo hingegen war dieser Abend ein rauschendes Fest - und für Antonio Jorge ein Bewerbungsschreiben an die Fußballgötter. 07.10.643993 20:13 |
Sprücheklopfer
Ich freue mich, meine ehemaligen Spieler später irgendwo auf der Welt wiederzutreffen. Oder in der Schweiz.
Köbi Kuhn, Nationaltrainer Schweiz