// Startseite
| Canadian Soccer |
| +++ Sportzeitung für Kanada +++ |
|
|
|
Ein bisschen Stierkampf, ein bisschen Geduldsspiel - so könnte man den Freitagabend in Okanagan zusammenfassen. Die Bulls besiegen Victoria City mit 1:0, ein Ergebnis, das knapper klingt, als es war. 49.311 Zuschauer erlebten ein Spiel, in dem die Gastgeber 24 Mal aufs Tor feuerten, während Victoria City einen einzigen Schuss zustande brachte - vermutlich mehr aus Versehen als aus Überzeugung. Das Tor des Tages fiel kurz vor der Pause. In der 44. Minute setzte sich Jean Bethune auf der rechten Seite durch, flankte scharf nach innen, und Francisco Butragueno hielt einfach den Fuß hin. Der Ball zischte in die linke Ecke, Torwart Bruno Marchand streckte sich vergeblich. Ein Tor, so einfach wie schön - und zugleich das Einzige, das den Abend entscheiden sollte. "Ich hab’ ihn eigentlich gar nicht so richtig getroffen", grinste Butragueno nach dem Spiel, das Eisbeutel auf dem linken Knöchel. "Aber manchmal braucht man eben auch Glück - und einen Mitspieler, der weiß, wo man steht." Glück, ja - aber auch viel Arbeit. Denn die Bulls spielten von Beginn an, als wollten sie alle Zweifel an ihrer Offensivfreude in einem Abend beseitigen. Schon in der ersten Minute prüfte Philippos Alexiou den Keeper, in der zehnten war Christian Lockwood dran, in der zwanzigsten Francisco Butragueno. Es war ein Feuerwerk ohne Funkenflug, eine Dominanz ohne Belohnung - bis eben jener Augenblick kurz vor dem Pausenpfiff. Trainer Markus Merk, sonst bekannt für seine analytische Ruhe, wurde nach dem Abpfiff fast poetisch: "Wir hätten wahrscheinlich noch drei Stunden spielen können und Marchand hätte immer noch alles gehalten. Aber Francisco hat dann eben den Deckel drauf gemacht - oder besser: den Fuß dran." Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte - mit Angriffen der Bulls. Blagoj Karaslawow kam zur Pause für Vincent Travassos und hätte sich beinahe in die Torschützenliste eingetragen. Zwischen der 56. und 93. Minute probierte er es gleich sechs Mal, jedes Mal knapp vorbei oder in die Arme des überragenden Marchand. "Er hat wohl Magnet-Handschuhe", knurrte Karaslawow später. Victoria City? Nun ja - sie waren da. Einen einzigen Schuss gaben sie ab, in der 68. Minute durch Sergio Bosingwa, und selbst der war eher ein höflicher Versuch, Bulls-Keeper Marcio Futre daran zu erinnern, dass er auch noch beschäftigt werden könnte. Futre bestand die Prüfung mühelos. Die Partie hatte trotz der Einseitigkeit ihre dramatischen Momente: In der 80. Minute sah Luís Albinana Gelb, weil er beim Versuch, den Ball zu erobern, mehr Rasen als Gegner traf. Nur vier Minuten später verletzte sich Torschütze Butragueno bei einem harmlos aussehenden Zweikampf und musste behandelt werden. "Ich wollte eigentlich weitermachen", sagte er, "aber der Doc hat mich angesehen, als wäre ich ein lahmer Gaul." Auf der Gegenseite erwischte es Victorias Pedro Brito fast zeitgleich - auch er humpelte vom Platz. Taktisch agierten beide Teams überraschend ähnlich: ausbalanciert, kontrolliert, mit kurzen Pässen und wenig Pressing. Der Unterschied lag schlicht darin, dass die Bulls mit Ball wussten, wohin. Victoria City dagegen wirkte, als wolle man den Ball lieber wieder loswerden, sobald er die Mittellinie überschritt. Am Ende stand ein 1:0, das in seiner Schlichtheit fast schon altmodisch wirkte. Keine wilden VAR-Diskussionen, keine Elfmeterschlachten, einfach ein Tor aus dem Spiel heraus und ein Arbeitssieg, wie ihn Trainer Merk gerne sieht. "Ich mag solche Spiele", sagte er. "Da merkst du, wer Charakter hat. Und wer einfach nur auf den Bus gewartet hat." Für Victoria City bleibt die Erkenntnis, dass man mit 48 Prozent Ballbesitz auch 0:1 verlieren kann, wenn man den Ball nie gefährlich nach vorne bringt. Ihr Trainer, der sich nach dem Spiel wortkarg zeigte, meinte nur: "Wir haben defensiv kompakt gestanden." Ein Satz, der nach 24 gegnerischen Schüssen klingt wie ein schlechter Witz. Die Bulls dagegen feiern den dritten Sieg im fünften Spieltag der 1. Liga Kanada und sehen sich auf Kurs. "Wir wollten zeigen, dass wir auch dreckig gewinnen können", sagte Kapitän Alexiou beim Auslaufen. Dreckig vielleicht, aber verdient allemal. Wenn man den Gegner 90 Minuten lang im eigenen Strafraum einschnürt, darf man sich den Luxus erlauben, ein 1:0 wie ein Fest zu feiern. Ein Fest, das mit einem humpelnden Helden endete. Francisco Butragueno winkte den Fans beim Abgang, lächelnd, auf Krücken gestützt. Und irgendwo zwischen Schmerz und Stolz murmelte er: "Wenn’s hilft, die drei Punkte zu holen, geh ich auch auf einem Bein." - Worte, die in Okanagan wohl noch lange zitiert werden. 27.12.643993 22:30 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler