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Toronto - 32.000 Zuschauer im ausverkauften Maple Park sahen am Freitagabend ein Fußballspiel, das alles bot: Tempo, Emotionen, Gelbe Karten und einen Gastgeber, der sich am Ende wie sein eigener Gegner fühlte. Toronto SC führte zur Pause mit 1:0, verlor aber am Ende mit 1:2 gegen die Okanagan Bulls - ein Spiel, das sich anfühlte wie ein Schnellkurs in vertaner Chancenverwertung. Dabei fing alles so verheißungsvoll an. Toronto begann mutig, angetrieben von einem lauffreudigen Mittelfeld um Thomas Amyot und David Berryer. In der 33. Minute folgte die Belohnung: Adrianos Fyssas, der flinke Grieche auf der rechten Seite, zog nach einem feinen Zuspiel von Sebastien Maurice nach innen und zimmerte den Ball ins lange Eck. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Fyssas später, "und gehofft, dass der Torwart noch überlegt, ob er springen soll." Tat er nicht - 1:0. Bis zur Pause hatte Toronto die Partie recht gut im Griff, auch wenn Bulls-Stürmer Hanns Bouchard die Defensive mehr als einmal in Verlegenheit brachte. Während der Heimtrainer - dessen Name das Protokoll uns leider vorenthält - an der Seitenlinie die Hände in den Taschen vergrub, wirkte Bulls-Coach Markus Merk schon da wie ein Mann, der den Verlauf des Abends ahnte. "Wir waren im ersten Durchgang zu brav", knurrte er. "Ich hab den Jungs gesagt, dass sie gefälligst mal so spielen sollen, wie ihr Name klingt - wie Bullen eben!" Nach dem Seitenwechsel wechselte Merk dreifach, und das Spiel kippte binnen Minuten. Francisco Butragueno, frisch eingewechselt, traf in der 59. Minute nach Vorarbeit von Arjen Scranton zum Ausgleich. Der Ball zappelte im Netz, die Bulls-Fans jubelten, und Torhüter Frederic Weise sah so aus, als wolle er den Pfosten umarmen - aus Verzweiflung. Toronto versuchte, das Momentum zurückzuerobern, doch die Offensive verpuffte meist auf dem Weg zum Strafraum. Nur fünf Torschüsse brachte das Heimteam insgesamt zustande - ganze elf weniger als die Gäste. Die Bulls dagegen rochen Blut, kombinierten munter durch die Mitte, und das Pressing, das Merk in der Schlussphase anordnete, zeigte Wirkung. "Wir haben endlich Tempo gemacht", erklärte Torschütze Butragueno später. "Und wenn du einmal merkst, dass der Gegner müde wird, riechst du das wie ein Stier das rote Tuch." In der 85. Minute fiel die Entscheidung: Der erst 24-jährige Freddie Aubin, schon das ganze Spiel über quirlig und unbequem, tauchte nach einem feinen Pass von Adriano Quevedo plötzlich im Strafraum auf. Ein kurzer Haken, ein Schuss - 2:1. Die Bulls jubelten, Toronto starrte fassungslos. "Das war ein Nadelstich mitten ins Herz", sagte Verteidiger Marc Donahue. "Und leider hatten wir danach keine Pflaster mehr." Die letzten Minuten waren ein einziger wilder Versuch, das Unvermeidliche noch zu drehen. Sebastien Maurice, der zuvor Gelb gesehen hatte, rannte in der Nachspielzeit noch in die gegnerische Hälfte, drosch den Ball aus 25 Metern - knapp vorbei. "Ich wollte ihn mit links zirkeln", murmelte er später, "aber mein linker Fuß hat ein Eigenleben." Statistisch war das Ergebnis kaum zu bestreiten: 53 Prozent Ballbesitz für Okanagan, 16 Torschüsse, ein Zweikampfwert jenseits der 56 Prozent. Toronto dagegen wirkte nach der Pause wie ein Team, das vergessen hatte, dass Fußball zwei Halbzeiten hat. Trainer Merk zeigte sich nach dem Spiel fast milde: "Wir waren lange die bessere Mannschaft, aber ohne Tore ist das halt nur hübscher Ballbesitz. Heute haben wir beides gehabt." Sein Gegenüber hingegen verschwand wortlos im Kabinengang - vielleicht, um dort nach seiner ersten Halbzeit zu suchen. So kehren die Bulls mit drei Punkten und breiter Brust nach Hause zurück, während Toronto SC in der Tabelle weiter abrutscht. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus - vielleicht, weil sie wussten, dass man manchmal eben auch verliert, obwohl man gar nicht so schlecht spielt. Oder, wie es ein Fan auf der Tribüne mit einem Schulterzucken formulierte: "Manchmal bist du der Stier, manchmal das rote Tuch." Und an diesem Abend war Toronto eindeutig Letzteres. 16.01.643991 16:00 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft