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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob die Brampton Tigers überhaupt rechtzeitig aus der Kabine gekommen sind. Kaum hatte Schiedsrichter McLeod die Partie am 17. Spieltag der 1. Liga Kanada angepfiffen, da stand es schon 1:0 für die Okanagan Bulls - und das, ehe der erste Hotdog im Block C überhaupt halb aufgegessen war. Antonio Arrondo, der flinke Linksaußen der Bulls, traf in der vierten Minute nach einer butterweichen Vorlage von Arjen Scranton. "Ich habe einfach nur das Bein hingehalten", grinste Arrondo später. "Der Ball wollte wohl selbst ins Tor." Wollte er offenbar auch in der elften Minute wieder, diesmal von Scranton selbst. Der Mittelfeldmotor nahm einen Querpass von Francisco Butragueno direkt ab und versenkte ihn eiskalt rechts unten - 2:0, und der Rest der ersten Halbzeit wurde zum gemütlichen Sonntagsspaziergang für die Gastgeber, obwohl es Samstagabend war. Die 46.589 Zuschauer in der Okanagan-Arena feierten bereits in der Pause, als hätte man die Meisterschaft in der Tasche. Die Brampton Tigers dagegen wirkten, als hätten sie den Bus zum Spiel fast verpasst. Ganze drei Torschüsse in 90 Minuten - das ist nicht Offensive, das ist höfliches Anklopfen. "Wir wollten das Spiel ruhig aufbauen", erklärte Tigers-Coach (der sich nach Abpfiff nur widerwillig äußern wollte) mit stoischer Miene. "Leider haben die Bulls etwas dagegen gehabt." Etwas dagegen hatten sie tatsächlich - und zwar alles. 23 Torschüsse, 57,5 Prozent Ballbesitz, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Die Bulls waren in jeder Statistik überlegen. Selbst beim Einwerfen sahen die Tigers alt aus. Besonders auffällig war der junge Freddie Aubin, der mit seinen Flanken von rechts die Tiger-Abwehr regelmäßig in Panik versetzte. "Ich dachte, wenn ich oft genug flanke, trifft irgendwann jemand", sagte Aubin lachend. "Klappt ja meistens." Die zweite Halbzeit begann so, wie die erste aufgehört hatte: mit Okanagan im Vorwärtsgang. Coach Markus Merk, sonst eher der sachliche Typ, schien diesmal Spaß am Spektakel zu haben. "Wir wollten zeigen, dass wir auch schön spielen können", sagte er später augenzwinkernd. "Normalerweise reicht uns ja ein 1:0, aber heute war Vollgas angesagt." Und das Vollgas kam in der 62. Minute auf die Anzeigetafel: Vincent Travassos, der bullige Rechtsaußen, machte nach Vorarbeit von Roberto Ferrer den Deckel drauf - 3:0. Ein Tor, das sinnbildlich für den Abend stand: kraftvoll, entschlossen, und mit einem Schuss Eleganz. Ferrer selbst kommentierte trocken: "Ich hab’ ihn einfach laufen lassen. Wenn Vincent einmal Fahrt aufnimmt, kann man nur noch winken." Danach war die Luft raus - zumindest bei den Tigers. Linksverteidiger Bruno Monroe, der schon in der 16. Minute Gelb gesehen hatte, verletzte sich in der 67. Minute und musste ausgewechselt werden. "So ein Mist, ich hatte gerade angefangen, Spaß zu haben", murmelte er humpelnd Richtung Ersatzbank. Sein Ersatzmann Philippe Lewis konnte das Unheil allerdings auch nicht verhindern. Die Bulls spielten die Partie souverän zu Ende, ließen Ball und Gegner laufen und gönnten sich in den Schlussminuten sogar ein paar kabarettreife Ballstaffetten. In der 87. Minute prüfte Aubin noch einmal Tigers-Keeper Alfred Holmqvist, der mit einer akrobatischen Flugeinlage wenigstens den Ehrentreffer verhinderte - allerdings auf der falschen Seite des Feldes. Als der Schlusspfiff ertönte, war die Sache klar: ein 3:0, das in Wahrheit auch 5:0 hätte heißen können. Während die Fans der Bulls schon "Spitzenreiter, Spitzenreiter!" skandierten (und dabei von der Stadionregie mit Countrymusik übertönt wurden, um es familienfreundlich zu halten), standen die Tigers etwas verloren auf dem Platz. Trainer Merk fasste es später charmant zusammen: "Die Jungs haben heute gezeigt, dass sie nicht nur Bullen heißen, sondern auch so spielen - mit Hörnern nach vorn." Und irgendwo in der Mixed Zone hörte man Vincent Travassos noch sagen: "Ich hoffe, die Tigers kommen gut nach Hause. Wir haben sie ja ordentlich durch die Prärie gejagt." Ein Spiel, das in Erinnerung bleibt - zumindest für die, die auf der richtigen Seite standen. Die Okanagan Bulls klettern mit diesem Sieg weiter nach oben und schicken ein unmissverständliches Signal an die Liga: Wer hierherkommt, sollte besser Stahlkappen tragen. 23.07.643987 06:03 |
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