// Startseite
| Jamaica News Bulletin |
| +++ Sportzeitung für Jamaica +++ |
|
|
|
50.000 Zuschauer im Duncan-Stadion, die Sonne noch nicht ganz untergegangen, aber die Hoffnung der Heimmannschaft schon nach zwei Minuten: Hugo Manu, der flinke Linksaußen von Bull Bay, brauchte exakt einen Ballkontakt, um den Ton für den Abend zu setzen. Ein scharfer Pass von Felix Afzelius, ein kurzer Haken, ein Schuss - und schon zappelte das Netz. 1:0. Die Duncan Destroyers schauten sich gegenseitig an, als hätten sie gerade erfahren, dass das Spiel doch heute und nicht morgen stattfindet. "Wir wollten eigentlich ruhig ins Spiel kommen", murmelte Destroyers-Kapitän Franck Mathieu nach dem Abpfiff. "Hat irgendwie nicht so ganz geklappt." Bull Bay dagegen spielte, als hätten sie eine Deadline beim Torfestival. Nach 20 Minuten war es Jerome DeBrosse, der nach feiner Vorarbeit von Mikhail Kerschakow den Ball trocken ins rechte Eck drosch - 2:0. Trainer Sports Mann, sonst eher ein ruhiger Zeitgenosse, klatschte an der Seitenlinie derart energisch, dass selbst der vierte Offizielle kurz zusammenzuckte. "Die Jungs haben heute einfach Lust gehabt", sagte Mann später mit einem Grinsen. "Ich habe ihnen vor dem Spiel gesagt: Wenn ihr schon nach Duncan fahrt, dann bringt wenigstens Souvenirs mit - am besten drei Punkte." Die Destroyers versuchten in der Folge, sich ins Spiel zu kämpfen. Ballbesitz war da - 50,2 Prozent, um genau zu sein -, doch was nützt die Statistik, wenn vorne keiner trifft? David Lujan kam zu zwei ordentlichen Schüssen, einer in der 5., einer in der 30. Minute, aber Bull-Bay-Keeper Andrew Gayheart hatte einen dieser Tage, an denen man fast bedauert, nicht selbst Stürmer zu sein. Kurz vor der Pause dann die Szene, die sinnbildlich für Duncans Abend stand: Jacob Guillory erkämpft sich den Ball an der Mittellinie, dribbelt beherzt los - und spielt dann einen Pass ins Nichts. Der Ball rollt gemächlich über die Seitenlinie, während 50.000 Zuschauer kollektiv seufzen. "Ich dachte, einer läuft da", erklärte Guillory später mit einem gequälten Lächeln. "Aber keiner lief da." Nach der Pause ging es nahtlos weiter. Jerome DeBrosse, offenbar mit einem Abo für Traumtore ausgestattet, traf in der 51. Minute erneut - diesmal nach Vorlage von Hugo Manu. Fünf Minuten später vollendete DeBrosse seinen Hattrick, flankiert von einem 19-jährigen Dominique Lancaster, der gerade erst eingewechselt worden war und prompt zum Assistgeber avancierte. 4:0, und noch eine halbe Stunde zu spielen. "Da haben wir dann einfach nur noch Spaß gehabt", meinte DeBrosse später im Kabinengang, während er sein Trikot signierte. "Aber ehrlich - ich hatte schon schlimmere Trainingsspiele." Trainer Sports Mann wechselte danach munter durch: Innenverteidiger Ethan Lochiel kam für Julian Kaufmann, später durfte der 18-jährige Torwart William Carter noch ein paar Minuten Erstligaluft schnuppern. "Ich wollte, dass die Jungs wissen, wie sich ein Sieg anfühlt - live auf dem Platz", sagte Mann mit einem Augenzwinkern. Auf der anderen Seite versuchte Duncan-Coach - dessen Name erstaunlicherweise in keiner offiziellen Aufstellung auftauchte, vielleicht wollte er anonym bleiben - sein Glück mit lautstarken Anweisungen. "Wir bleiben offensiv!", rief er in der 70. Minute. Das tat sein Team auch - allerdings eher offensiv im Verpassen von Chancen. Die letzten Minuten verliefen fast wie ein Stresstest für die Geduld der Heimfans. Noch zwei Schüsse - einer von Daniel Abbadie in der 90., einer von Billy Malfoy in der Nachspielzeit - aber beide landeten direkt in den Armen des jungen Ersatzkeepers Carter, der nach dem Abpfiff strahlte, als hätte er das Spiel allein gewonnen. Am Ende stand ein 0:4, das so deutlich war, dass selbst die Statistik kaum Trost bot. 16:5 Torschüsse für Bull Bay, mehr gewonnene Zweikämpfe (54 Prozent) - und ein Auftritt, der zeigte, warum sie derzeit als heimlicher Titelkandidat gelten. "Das war schon ein Statement", kommentierte ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions. "Und die Destroyers? Die sollten vielleicht mal über einen neuen Namen nachdenken. Heute waren sie eher die Duncan Defenders - und selbst das nicht besonders erfolgreich." Ein bitterer Abend für Duncan, ein Fest für Bull Bay. Und irgendwo in der Karibik lacht Trainer Sports Mann noch immer leise über sein eigenes Wortspiel vom Souvenir. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wer vier Tore schießt und sich danach noch ärgert, dass das fünfte nicht fiel, der hat verstanden, wie man Fußball spielt. Bull Bay jedenfalls tanzt weiter - und Duncan muss erst einmal lernen, wieder mitzuhalten. 11.09.643990 01:42 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer