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Wenn 58.249 Zuschauer in Kingston schon nach sieben Minuten aufspringen, dann ahnt man: Das wird kein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Bull Bay hat Clarendon Sporting am 31. Spieltag der 1. Liga Jamaica nicht nur besiegt - sie haben sie filetiert, flambiert und am Ende mit Schleifchen serviert. 5:0 hieß es nach 90 Minuten, und selbst das fühlte sich für die Gäste fast schmeichelhaft an. Der Abend begann, wie er enden sollte: mit einem Bull-Bay-Torjubel. In der 7. Minute stach Jannik Hoppe nach feinem Zuspiel von Fehmi Karaer zu - ein wuchtiger Schuss aus 20 Metern, so präzise, dass Clarendons Keeper Louis Buffett nur hinterherblicken konnte. "Ich sah den Ball kommen - und dann war er weg", murmelte der Torwart später lakonisch. Von da an war es Einbahnstraßenfußball. Bull Bay, unter der Leitung von Trainer Sports Mann, spielte genau das, was auf dem Etikett stand: offensiv, aggressiv, mit Lust auf Risiko. 24 Torschüsse, 56,7 Prozent Ballbesitz, und das Gefühl, dass sie jederzeit noch zwei Gänge höher schalten könnten. Clarendon dagegen wirkte, als hätten sie erst auf der Anreise erfahren, dass heute ein Spiel stattfindet. Ein Schuss aufs Tor in 90 Minuten - und der war mehr eine höfliche Ballrückgabe. Kurz vor der Pause kam noch etwas Würze ins Spiel: Hugo Manu verletzte sich nach einem Sprintduell, musste raus. Trainer Mann brachte Bruno Calvente - ein Wechsel, der sich schon bald als Glücksgriff herausstellen sollte. "Ich hatte das Gefühl, dass Bruno heute etwas Besonderes machen wird", grinste der Coach hinterher schelmisch - und behielt recht. Denn in der 60. Minute war es eben jener Calvente, der nach einem Pass von Marcio Nani die Führung ausbaute. Ein trockener Linksschuss ins lange Eck, so sauber, dass man das Netz noch in der Wiederholung zittern sah. Damit brachen endgültig alle Dämme. Clarendon versuchte zu reagieren, brachte nach einer Verletzung von Rhys Gagne den Innenverteidiger Pascal Gramont - eine Maßnahme, die ungefähr so viel Offensivkraft versprach wie ein Regenschirm im Orkan. Und so kam, was kommen musste: In Minute 76 traf Joao del Rio nach MacMillans klugem Steckpass zum 3:0. Das Stadion tobte, die Fans sangen, und Clarendon sehnte nur noch den Abpfiff herbei. Doch Bull Bay hatte noch nicht genug. Fehmi Karaer, schon beim ersten Tor als Vorbereiter glänzend, krönte seine Leistung in der 81. Minute selbst. Nach Doppelpass mit Hoppe zirkelte er den Ball in den Winkel - ein Tor, das man in Kingston noch lange besprechen wird. "Ich dachte, ich spiele einfach mal auf Spaß. Dann war der Ball drin", lachte Karaer nach dem Spiel. Und als wäre das alles nicht genug, setzte Marcio Nani in der Nachspielzeit den Schlusspunkt. Nach einer Flanke von Mikhail Kerschakow stieg der Rechtsaußen hoch, nahm den Ball volley - und traf zum 5:0. Der Jubel war fast schon ungläubig, der Gegner längst gebrochen. Clarendon-Coach - der Name ging in den Datenchaos des Abends fast unter - stand nach Schlusspfiff stumm am Spielfeldrand. Seine Mannschaft hatte mit 43 Prozent Ballbesitz und einer Tacklingquote von nur 41 Prozent praktisch keinen Zugriff gefunden. "Manchmal läuft einfach alles gegen dich", seufzte er. "Heute war so ein Tag. Oder eher: Heute war Bull Bay." Torwart Buffett fasste es später mit trockenem Humor zusammen: "Wir haben versucht, das Tor klein zu machen. Leider hat Bull Bay es einfach größer geschossen." Für Bull Bay war es ein Statement-Sieg - nicht nur, weil fünf verschiedene Spieler an den Toren beteiligt waren, sondern weil die Mannschaft über 90 Minuten wie aus einem Guss wirkte. Ihre offensive Ausrichtung zahlte sich aus, und Trainer Sports Mann darf stolz sein. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur gewinnen, sondern Spaß haben können. Und das hat man, glaube ich, gesehen", grinste er. Am Ende verließen die Fans das Stadion mit einem breiten Grinsen - und Clarendon mit gesenkten Köpfen. Ein Spiel wie aus einem Guss, ein Ergebnis wie aus einem Traum, zumindest für die Gastgeber. Ein älterer Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt, als er beim Rausgehen sagte: "Wenn die so weiterspielen, braucht die Liga bald neue Gegner." Vielleicht etwas übertrieben - aber an diesem Abend war Bull Bay tatsächlich eine Klasse für sich. 21.03.643990 12:09 |
Sprücheklopfer
Es ist wichtig, dass man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt.
Lothar Matthäus