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Ein lauer Abend im Januar, 59.645 Zuschauer im Stadion von Bull Bay - und ein Spiel, das den Begriff "Abwehrarbeit" eher als optionale Beschäftigung verstand. Am 24. Spieltag der 1. Liga Jamaica lieferten sich Bull Bay und Duhaney Park ein Spektakel, das keinem Herzpatienten zu empfehlen war: 4:3 hieß es am Ende für die Gastgeber, die Coach Sports Mann damit ein bittersüßes Grinsen aufs Gesicht zauberten. "Wir wollten offensiv spielen - das haben wir geschafft. Dass wir dabei fast kollabiert sind, gehört offenbar dazu", lachte Mann nach dem Abpfiff. Schon nach acht Minuten bebte das Stadion: Moritz Jahn, der flinke rechte Mittelfeldmann, zog nach Vorlage von Felix Afzelius ab - und der Ball zappelte im Netz. Ein Auftakt, wie er im Drehbuch steht. Jahn später mit einem Grinsen: "Ich wollte eigentlich flanken, aber der Ball hat entschieden, dass er lieber Geschichte schreiben will." Es war das 1:0, und die Fans fühlten sich für ihre frühe Anreise belohnt. Doch Duhaney Park, trainiert von Elisa Fernanda, ließ sich nicht lange bitten. In der 23. Minute traf Mario Butragueno, der linke Außenverteidiger mit dem Namen eines spanischen Fußballpoeten, nach Vorlage von Joseph Grenier zum Ausgleich. "Ich hatte plötzlich so viel Platz, dass ich kurz überlegte, ob ich ein Picknick mache", witzelte Butragueno später. Die Freude der Gäste hielt nicht lange. Bull Bays Innenverteidiger Ethan Lochiel, sonst eher für rustikale Grätschen als für Traumtore bekannt, drückte in der 35. Minute einen Eckball über die Linie. 2:1 zur Pause - ein Zwischenstand, der weniger über Kontrolle als über Chaos erzählte. Die Statistik zur Halbzeit: Duhaney Park mit mehr Ballbesitz (55 Prozent) und weniger Wirkung, Bull Bay mit mehr Schüssen (am Ende 15 zu 9). Beide Teams spielten offensiv, aber Duhaney Park bevorzugte das Kurzpassspiel, während Bull Bay ihr "lange Bälle, lange Gesichter"-Prinzip pflegte. Nach dem Wiederanpfiff ging’s weiter wie im Actionfilm. In der 49. Minute schlug wieder Moritz Jahn zu, diesmal nach einem Pass von Fehmi Karaer. Ein Sonntagsschuss an einem Sonntagabend - 3:1. Die Tribünen explodierten, die Ersatzbank tanzte, und Trainer Mann schien kurz davor, sich selbst einzuwechseln. Doch kaum hatten die Fans den Torjubel beendet, antwortete Duhaney Park. Nur zwei Minuten später verkürzte Jean-Pierre Winston auf 3:2, nach Vorarbeit des Innenverteidigers Rui Postiga. "Wir wollten sie wachrütteln - ich glaube, das hat funktioniert", grinste Winston. Das Spiel blieb wild, manchmal fast anarchisch. Gelbe Karten für Karl Andersson (19.) und Domingo Vega (28.) zeigten, dass Bull Bay zwar offensiv, aber nicht immer elegant agierte. "Wir nennen das Leidenschaft", verteidigte Vega nach dem Spiel trocken. In der 73. Minute dann das, was später als "Moment der Erlösung" gefeiert wurde: Ioakim Katranas, bisher glücklos, traf nach Vorlage des umtriebigen Karaer zum 4:2. Ein Tor, das die Fans mit Trommeln und Tanz feierten. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn man 59.000 Menschen jubeln hört, weiß man, dass man etwas richtig gemacht hat", sagte Katranas. Winston aber hatte noch nicht genug. In der 76. Minute netzte er zum zweiten Mal ein - wieder nach Vorarbeit von Charles Fryer. 4:3, noch 15 Minuten, und plötzlich witterte Duhaney Park die Sensation. Trainerin Fernanda brüllte von der Seitenlinie: "Alle nach vorne!" - und man hatte das Gefühl, selbst der Torwart überlegte kurz, ob er mitstürmen sollte. Bull Bay rettete sich schließlich über die Zeit, auch dank geschickter Wechsel: Callahan kam für den müden Hoppe, und in der Nachspielzeit durfte sogar der 19-jährige Humberto Martins sein Debüt feiern. Dominique Lancaster ersetzte den gelbbelasteten Andersson - ein symbolischer Wechsel zwischen Generationen und Temperamenten. Als Schiedsrichter Grant die Partie abpfiff, fiel ein kollektiver Stein vom Herzen der Heimfans. Duhaney Park hatte mehr Ballbesitz, das bessere Passspiel und die ruhigere Hand - aber Bull Bay hatte die Tore. "Manchmal gewinnt nicht der Schönere, sondern der Lautere", resümierte Trainer Mann mit einem Augenzwinkern. Elisa Fernanda nahm die Niederlage sportlich: "Wenn du auswärts drei Tore machst, solltest du eigentlich etwas mitnehmen. Aber heute war Bull Bay einfach frecher." Das Publikum verabschiedete die Spieler mit stehenden Ovationen. Und irgendwo auf der Tribüne wurde gemunkelt, dass selbst der Platzwart nach dem Spiel noch Adrenalin im Blut hatte. Ein 4:3, das keiner so schnell vergisst - und ein weiterer Beweis, dass in der 1. Liga Jamaica manchmal die Defensive nur als höflicher Vorschlag verstanden wird. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Ich bin wegen Fußball gekommen - und hab ein Feuerwerk bekommen." 23.10.643987 19:48 |
Sprücheklopfer
Wenn für Ze Roberto jemand 30 Millionen bietet, kann er sein Auto putzen und dann ab über die Alpen.
Rainer Calmund