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Es war ein Abend, an dem 56.043 Zuschauer im Bull Bay Stadium alles bekamen: Sonne, Samba - und ein rechter Verteidiger als Retter. Das 1:1 gegen die Buff Bay Saints fühlte sich für die Gastgeber an wie ein Sieg, für die Gäste eher wie ein verspäteter Weckruf. Der Anstoß um 20 Uhr unter tropischer Dämmerung begann mit einem Feuerwerk aus Fehlpässen und flatternden Nerven. Bull Bay, von Coach Sports Mann in die Offensive geschickt, legte los, als gäbe es für jeden Torschuss eine Prämie. Ganze 21 Mal zielten sie auf das Tor, trafen aber meist den Torhüter, die Werbebande oder, wie Kapitän Robert Broderick, die Latte - "Ich schwöre, die Latte hat sich bewegt!", fluchte er später mit einem Grinsen. Trotz aller Heimlust war es aber ein Gast, der zuerst jubelte. In der 15. Minute zeigte Joshua Carter, warum er auf der Insel als flinkster Flügelfeger gilt. Nach feinem Zuspiel von Bernard Primes zog er von links in den Strafraum, täuschte Innenverteidiger Kaufmann an und schob den Ball trocken ins lange Eck. 0:1 - die Buff Bay Saints führten und sahen dabei verdächtig souverän aus. "Das war wie ein Stich ins Herz - aber wenigstens kein tödlicher", meinte Bull-Bay-Trainer Sports Mann halb lachend, halb knurrend. Seine Mannschaft wirkte in der Folge wie ein Boxer, der nach dem ersten Treffer benommen weiterpendelt, aber nicht fällt. Zwar kam Bull Bay zu Chancen im Minutentakt - Nani, Manu, Broderick -, doch Buff-Bay-Keeper Oscar Chevallier hatte einen dieser Abende, an denen er wohl selbst eine Kokosnuss aus dem Winkel gefischt hätte. Die Gäste hingegen verlegten sich auf gepflegtes Ballhalten. Mit 54 Prozent Ballbesitz dominierten sie das Mittelfeld, während Bull Bay mit wütenden Angriffen antwortete. Trotzdem blieb es zur Pause beim 0:1. In der Kabine muss Coach Mann den Ton deutlich verschärft haben. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen endlich das Tor treffen - nicht nur drumherum malen", verriet er später. Und tatsächlich: In Halbzeit zwei sah man ein Bull Bay, das nun wie ein aufgescheuchter Stier anrannte. Doch erst in der 79. Minute fiel die Erlösung - und ausgerechnet durch einen Verteidiger. Felix Afzelius, der rechte Außenverteidiger, startete nach einem Pass seines Kollegen Karl Andersson einen waghalsigen Lauf über den halben Platz. Niemand stoppte ihn, also schoss er eben selbst - wuchtig, präzise, unhaltbar. 1:1. Das Stadion explodierte. "Ich wollte eigentlich flanken, ehrlich!", grinste Afzelius nach Abpfiff. "Aber wenn der Ball schon mal den Weg ins Netz findet, beschwert sich ja keiner." Danach wurde es ruppiger. In der 81. Minute sah Innenverteidiger Julian Kaufmann Gelb, kurz bevor er ausgewechselt wurde. "Ich habe nur laut geatmet", verteidigte er sich mit einem Augenzwinkern. Die Saints indes verloren etwas den Faden, wirkten erschöpft, fast zu zufrieden mit dem Remis. Bull Bay warf in den letzten Minuten alles nach vorn - inklusive der Ersatzbank. Trainer Mann brachte nacheinander Pascal Berthier, Joao del Rio und den 19-jährigen Humberto Martins. Letzterer sorgte in der 87. Minute für Lärm, als er fast noch das 2:1 erzielte. Der Ball strich jedoch Zentimeter am Pfosten vorbei. Nach 90 Minuten stand ein 1:1, das beiden Teams etwas bot: Buff Bay Saints bleiben auswärts ungeschlagen, Bull Bay wahrt die Heimserie. In Zahlen: 21:5 Torschüsse für die Gastgeber, 56,7 Prozent gewonnene Zweikämpfe, aber nur ein Tor. So viel Aufwand für so wenig Ertrag - typisch Bull Bay, möchte man sagen. "Wir haben gekämpft, wir haben gespielt, wir haben… naja, zumindest nicht verloren", resümierte Coach Mann. Sein Kollege von den Saints, der schweigsame Bernard Primes (heute als Spieler und gefühlter Co-Trainer in einer Person unterwegs), meinte nur trocken: "Ein Punkt ist besser als kein Punkt. Aber schöner wäre ein zweiter gewesen." Die Fans verließen das Stadion mit gemischten Gefühlen - einige jubelnd, andere murmelnd. Ein alter Herr in der dritten Reihe brachte es auf den Punkt: "Wenn der Verteidiger die Tore schießt, ist irgendwas schiefgelaufen - oder alles richtig." So bleibt Bull Bay weiter ein Team zwischen Genie und Wahnsinn - während die Buff Bay Saints wohl noch ein paar Nächte von Carter träumen werden. Und irgendwo in der Umkleide summte jemand die Melodie von "Don’t Stop Believin’". Vielleicht als Mahnung. Vielleicht einfach, weil Fußball manchmal eben genau das ist: ein Glaube an den nächsten Schuss. 03.05.643987 05:13 |
Sprücheklopfer
Ausblick, Ausblick, warum denn immer einen Ausblick? Worauf denn? Vielleicht einen Ausblick auf dieses Interview hier?
Christoph Daum