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Ein lauer Abend im Januar, 65.975 Zuschauer im Stadion am Meer, und ein Spiel, das zunächst nach gepflegter Routine roch - bis Bull Bay beschloss, das Ganze in ein kleines Spektakel zu verwandeln. Am Ende hieß es 4:2 (1:1) gegen die Kingston Boys, die zwar forsch begannen, dann aber in der zweiten Hälfte wie ein Kartenhaus im karibischen Wind zusammenfielen. Dabei hatte es für die Gäste so gut begonnen. In der 13. Minute war Frederic Balzac zur Stelle, jener 21‑jährige Stürmer mit der Unbekümmertheit eines Straßenkickers und dem Nachnamen eines Romanciers. Nach einem langen Ball von Luís Prieto drosch er das Leder so kompromisslos ins Netz, dass Bull‑Keeper Henri Carriere nur hinterherschauen konnte. 1:0 Kingston - und Coach Mahatma Haathi ballte an der Seitenlinie die Fäuste. "Da war alles drin, was wir trainieren: Mut, Tempo, Wahnsinn", schwärmte er später. Doch der Jubel war kaum verklungen, da schlug Bull Bay zurück. Acht Minuten später tanzte Ioakim Katranas auf der rechten Seite zwei Verteidiger aus, legte quer auf Joao del Rio - und nachdem der erste Versuch abgeblockt war, drosch Katranas selbst den Ball unters Dach. 1:1, und Trainer Sports Mann grinste: "Ich hab’ ihm vorher noch gesagt: Wenn du nicht triffst, läufst du morgen doppelt. Vielleicht war das die richtige Ansprache." Bis zur Pause lieferten sich beide Teams ein offenes Duell. Je 13 Torschüsse am Ende sprechen Bände über den Unterhaltungswert, auch wenn nicht jeder Versuch die Kategorie "präzise" verdiente. Bull Bay hatte mehr vom Spiel (57 Prozent Ballbesitz), Kingston Boys dafür die rustikalere Zweikampfführung - was sich spätestens in Halbzeit zwei rächen sollte. Kaum war die Pfeife zur zweiten Hälfte ertönt, überraschte Kingston erneut: Rechtsverteidiger Seppe Dewilde, eben noch mit gelber Karte verwarnt, spazierte in der 48. Minute durch die Abwehr und traf nach Vorarbeit von Sascha Schenk zum 2:1. "Ich dachte, ich träume", sagte Dewilde später und lachte. "Ich bin Verteidiger - meine Mutter fragt sonst immer, ob ich überhaupt über die Mittellinie gehe." Doch dann kam die Stunde der Gastgeber. In der 66. Minute markierte Joao del Rio den Ausgleich, nach feinem Zuspiel von Bruno Calvente. Drei Minuten später drehte Hugo Manu das Spiel - ein Schuss wie aus dem Nichts, halb Volley, halb Eingebung. "Ich hab einfach die Sonne nicht im Blick gehabt, also hab ich die Augen zugemacht und gehofft", grinste der Doppeltorschütze später. Kingston Boys wirkte nun konsterniert. Als Jean‑Pierre Gagne in der 76. Minute Gelb‑Rot sah - ein Foul, das eher an Rugby erinnerte - fiel die Mannschaft endgültig auseinander. Noch während Mahatma Haathi wild gestikulierte ("Ich wollte ihn eigentlich schon fünf Minuten vorher rausnehmen!"), traf Hugo Manu erneut. In der 79. Minute vollendete er nach Flanke von Katranas zum 4:2‑Endstand. Die letzten zehn Minuten gerieten zur One‑Man‑Show von Bull Bay. Der eingewechselte Ethan Lochiel räumte hinten alles ab, und auch Ersatzkeeper Andrew Gayheart durfte in der 84. Minute noch sein Debüt feiern, als Carriere sich vorsorglich auswechseln ließ. "Er wollte einfach Applaus - reine Eitelkeit", witzelte Trainer Mann auf der Pressekonferenz. Kingston Boys versuchten es noch mit langen Bällen und dem eingewechselten Asier Meireles, doch Bull Bay spielte die Partie souverän herunter. "Wir haben in der Halbzeit gesagt: Lasst sie laufen. Wenn die Sonne sinkt, schmilzt Kingston", verriet Kapitän Julian Kaufmann schmunzelnd. Statistisch blieb es ein ausgeglichenes Spiel - doch Bull Bay nutzte seine Chancen konsequenter. Und wenn man ehrlich ist: Die Gäste wirkten am Ende eher wie "Kingston Boys" als wie Männer, die um Punkte kämpfen. Coach Haathi nahm’s mit Humor: "Vier Gegentore? Ja, das ist zu viel. Aber immerhin hat keiner den Bus verpasst." Sports Mann hingegen strahlte wie ein Tourist am Strand: "Das war unsere beste zweite Halbzeit seit Monaten. Vielleicht sollten wir jedes Spiel mit einem Rückstand beginnen." So endete ein Abend voller Tempo, Tore und Theatralik - mit einem klaren Sieger und vielen Geschichten fürs nächste Training. Bull Bay tanzt weiter auf der Erfolgswelle, während Kingston die Scherben sortiert. Und das Publikum? Ging beschwingt nach Hause - denn wer 4:2 geboten bekommt, der vergisst glatt, dass auf der Anzeigetafel nur "26. Spieltag" stand. 15.11.643987 22:27 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer