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Manchmal schreibt der Fußball seine Geschichten so, wie sie ein Drehbuchautor niemals wagen würde. 59.000 Zuschauer im Estadio Alfonso López sahen am 10. Spieltag der 1. Liga Kolumbiens ein Spiel, das lange wie ein Null-Null aussah - bis Fabio Antonio in der 90. Minute zum Helden von Bucaramanga wurde. Sein Treffer zum 1:0 gegen Atletico Cucuta ließ das Stadion erbeben und Trainer Papa Ancelotti so strahlen, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. Dabei war es über 89 Minuten ein Geduldsspiel mit dem Charme eines Schachduells im Tropenregen. Bucaramanga, gewohnt offensiv eingestellt, rannte und kombinierte, während Cucuta tief stand, lauerte und hoffte. "Wir wollten kompakt bleiben und dann zuschlagen", erklärte Gästecoach Felix Eckball nach dem Spiel - und fügte mit einem bitteren Lächeln hinzu: "Nur leider haben wir das mit dem Zuschlagen vergessen." Die Gastgeber hatten mehr Ballbesitz (51 Prozent) und schossen öfter aufs Tor (12:7), doch lange fehlte die Präzision. Bereits in der 5. Minute prüfte Benyamin Fournier den gegnerischen Keeper Asier Domingos mit einem satten Distanzschuss, wenig später zog Attila Radoki aus 18 Metern ab - Domingos’ Handschuhe dürften noch immer nach Gummi riechen. Auch Manfred Hansen und Iker Allegri versuchten ihr Glück, aber der Ball wollte einfach nicht über die Linie. Auf der anderen Seite sorgte Ramon Pacos mit zwei schnellen Abschlüssen (21. und 22. Minute) kurz für Alarm, doch Bucaramangas junger Torhüter Brent Suy blieb ruhig wie ein Zen-Mönch. "Ich hatte das Gefühl, der Ball wollte mich gar nicht treffen", witzelte der 22-Jährige später - und grinste dabei, als hätte er gerade einen Lottoschein ausgefüllt. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte: Bucaramanga rannte an, Cucuta verteidigte mit allem, was Beine und Lungen hergaben. Bruno Gomes, der rechte Flügel der Gäste, war gefühlt überall - vorne, hinten, auf der Tribüne, im Imbissstand. Gleich viermal prüfte er Suy zwischen der 57. und 68. Minute, jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: kein Tor, aber Applaus für den Torwart. Trainer Ancelotti, dessen Stirnfalte in der 80. Minute die Form eines Fragezeichens angenommen hatte, reagierte mit einem Doppelwechsel: Rechtsverteidiger Anton Ragulin ging, Lewis Young kam (82.), kurz darauf durfte auch Ersatzkeeper Evgenios Giannopoulos für Brent Suy ran - angeblich, um Zeit von der Uhr zu nehmen. "Nein, nein", lachte Ancelotti später, "ich wollte Evgenios einfach das Gefühl geben, Teil des Sieges zu sein. Außerdem war Brent müde vom Zuschauen." Dann kam die 90. Minute. Attila Radoki, der unermüdliche Antreiber im Mittelfeld, setzte sich gegen zwei Gegenspieler durch, sah Fabio Antonio im Strafraum und spielte einen dieser Pässe, die von Engeln getippt sein müssen. Antonio nahm den Ball mit der Brust an, drehte sich - und traf. Kurz, trocken, unhaltbar. 1:0. Das Stadion explodierte, und irgendwo auf der Tribüne fiel einem älteren Herren die Bierdose aus der Hand. "Ich wollte eigentlich schon zum Duschen gehen", scherzte Antonio nach dem Spiel, "aber dann dachte ich, ich mach’s noch spannend." Ancelotti umarmte ihn, als wäre er sein lang verschollener Sohn. "Fabio ist ein Spieler, der in der letzten Minute gern Geschichten schreibt", sagte der Trainer, "leider meistens in meinen Blutdruckwerten." Atletico Cucuta konnte nach dem Rückstand nicht mehr reagieren. Die Defensive, die 89 Minuten lang standhielt, war gebrochen. Felix Eckball stapfte nach Abpfiff in die Kabine, schüttelte jedem Spieler die Hand und murmelte: "Ein Punkt wäre gerecht gewesen - aber Gerechtigkeit gehört nicht zum Fußball." Statistisch gesehen war Bucaramangas Sieg verdient: mehr Schüsse, etwas mehr Ballbesitz und ein unerschütterlicher Wille. Doch ohne Antonios kaltschnäuzigen Abschluss wäre es ein Abend der verpassten Chancen geblieben. Und so feierte Bucaramanga einen Sieg, der in den kommenden Tagen unter Fans als "Antonio-Minute" in Erinnerung bleiben dürfte. Während die Spieler auf dem Platz tanzten und die Fans auf den Rängen sangen, blickte Papa Ancelotti zufrieden in den Nachthimmel. "Ich mag späte Tore", sagte er mit einem Augenzwinkern. "Sie erinnern mich daran, dass Geduld manchmal besser ist als Taktik." Ein spätes Glück, ein verdienter Sieg - und ein Stadion, das noch lange nach Abpfiff vibrierte. In Bucaramanga weiß man jetzt wieder: Fußball kann grausam sein. Nur diesmal nicht für sie. 03.05.643987 05:15 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll