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Es war einer dieser Abende, bei denen 79.500 Fans im Stadion von Kingston dachten, sie hätten alles schon gesehen - bis Bull Bay und CA Belgrano beschlossen, ihnen noch einmal das komplette Spektrum des Fußballs vorzuführen: frühe Tore, wütende Trainer, Gelbe Karten zum Dessert und ein Heimstürmer, der sich weigerte, alt zu werden. Um 18:30 Uhr pfiff der Schiedsrichter an, und Bull Bay legte los, als gäbe es kein Morgen. Trainer Sports Mann hatte sein Team wie gewohnt offensiv ausgerichtet - Flügelspiel, lange Bälle, voller Einsatz. Schon in der 10. Minute fiel das 1:0: Robert Broderick, 33 Jahre jung und mit der Körperhaltung eines Mannes, der noch immer glaubt, er könne jeden Verteidiger austricksen, verwandelte eine Vorlage von Felix Afzelius aus spitzem Winkel. "Ich hab’ einfach draufgehalten. Wenn du nicht schießt, triffst du auch nicht - das ist Mathematik", grinste Broderick später. Doch die Gäste aus Córdoba antworteten prompt. Nur zwei Minuten später kombinierte sich CA Belgrano über die Mitte durch, Amaury Gutierre legte auf, Rutger Henriksson vollendete eiskalt - 1:1. Keine 17 Minuten waren gespielt, als die Argentinier erneut jubelten: Nuno Domingos, der linke Wirbelwind, schoss nach einer Ecke von Vincent Adao zum 1:2 ein. Der Mann aus Lissabon breitete die Arme aus, als wollte er die ganze Karibik umarmen. "Wir haben kurz vergessen, dass man auch verteidigen muss", knurrte Sports Mann in der Pause. Seine Verteidiger sahen aus, als hätten sie lieber am Strand gelegen. Bull Bay dominierte zwar den Ball - 53,6 Prozent Ballbesitz -, aber Belgrano lauerte gefährlich. Ihre 16 Torschüsse waren ein ständiger Nadelstich gegen die jamaikanische Euphorie. Besonders Nuno Domingos prüfte Keeper Andrew Gayheart ein ums andere Mal. Nach dem Seitenwechsel kam die Wende. Die Heimfans hatten gerade den zweiten Schluck ihres Kokoswassers genommen, da passierte es: erneut Broderick! In der 48. Minute drückte er eine Flanke von Pascal Berthier über die Linie. 2:2, Stadion in Ekstase. Broderick rannte zur Eckfahne, rutschte auf den Knien - und grinste in Richtung Gästebank. "Ich glaub, sie mögen mich nicht besonders", witzelte er später. Belgrano-Trainer John Lock, ein Mann mit der Gelassenheit eines Schachspielers, blieb ruhig. "Wir wussten, dass Bull Bay nach vorne stürmt wie ein Orkan. Aber wir haben den Schirm vergessen", sagte er trocken. Seine Jungs hielten dagegen, aber die Kräfte schwanden. In der 75. Minute reagierte Lock doppelt: Andres Quevedo kam für den müden Maxime Van Gheem, Vicente Morais ersetzte Vincent Adao. Später brachte er noch Özer Adin für den ausgepumpten Nelio Mendilibar. Morais allerdings machte sich wenig Freunde: In der 88. Minute sah er Gelb, nachdem er Broderick etwas zu leidenschaftlich am Trikot zupfte. "Ich wollte nur sein Parfum wissen", scherzte der Verteidiger danach. Eine Minute später revanchierte sich Karl Andersson von Bull Bay mit einer eigenen Gelben Karte - aus Gleichberechtigung, könnte man sagen. Die Schlussphase war ein offener Schlagabtausch. Moritz Jahn prüfte Belgranos Keeper Dimas Hermenegildo in der 87. Minute mit einem Flatterball, auf der Gegenseite rauschte Henriksson in der 86. Minute am Pfosten vorbei. 11 Torschüsse der Gastgeber standen 16 der Gäste gegenüber - ein Beweis dafür, dass niemand hier auf Sicherheit spielte. Taktisch blieb es spannend: Während Bull Bay konstant offensiv blieb, setzte Belgrano auf Balance - stark in den Zweikämpfen, 52,4 Prozent Tacklingquote, aber mit wachsender Nervosität. In der 90. Minute pressten sie plötzlich hoch, als wollten sie das Spiel noch stehlen. Doch Gayheart im Tor der Jamaikaner hielt alles, was kam - und einmal sogar das, was gar nicht kam. "Der Ball war schon draußen, aber ich bin lieber auf Nummer sicher gegangen", lachte der Keeper. Als der Schlusspfiff ertönte, war niemand wirklich unzufrieden. 2:2. Ein Ergebnis so gerecht wie ein Münzwurf, aber mit mehr Schweiß. Die Fans feierten ihr Team, und selbst die Gäste klatschten anerkennend. "So ein Spiel brauchst du in der Copa Libertadores", meinte Sports Mann. "Schön, wild, ein bisschen verrückt. Und Broderick? Der kriegt heute Abend frei - aber nur, wenn er’s bis zur Kabine schafft." John Lock fasste es nüchterner: "Punkt ist Punkt. Aber gegen so eine Welle musst du erstmal schwimmen." Und so trennte man sich in tropischer Abendluft - zwei Tore hier, zwei dort, ein Haufen Emotionen dazwischen. Vielleicht kein Sieg, aber ein Fest für alle, die Fußball lieber mit Herz als mit Rechenschieber sehen. Wer heute im Stadion war, wird sich erinnern: an Brodericks Doppelschlag, an die Gelben Karten im Schlussakt, an 79.500 Kehlen, die für 90 Minuten alles gaben. Und vielleicht auch an den leicht sarkastischen Stadionsprecher, der beim Abpfiff sagte: "Das war’s, meine Damen und Herren - und ja, Ihre Pulsuhren haben recht." 06.06.643987 19:45 |
Sprücheklopfer
Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.
Rolf Rüssmann