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Es war einer dieser Winterabende, an denen der Atem zu kleinen Wolken gefriert und der Fußball trotzdem nach Sommer schmeckt. 6208 Zuschauer kamen am 5. Spieltag der Regionalliga A ins Emsdettener Stadion, um ihre Borussia zu sehen - und sie bekamen ein Spiel, das zunächst an Schlafmittel erinnerte, dann aber in puren Espresso mündete. Borussia Emsdetten besiegte Köllerbach mit 2:0 (0:0), und am Ende wusste keiner so recht, warum das nicht schon viel früher passiert war. Schon in den ersten Minuten nahm Emsdetten das Heft in die Hand, oder besser: den Ball in den Fuß. 52 Prozent Ballbesitz, 18 Torschüsse - das klingt nach Dominanz, und auf dem Rasen sah es sogar noch einseitiger aus. Alfie Nicholson prüfte den Köllerbacher Keeper Jakob Wimmer nach zwei Minuten, Marcel Carter drosch den Ball in der achten knapp vorbei. "Wir hätten in der ersten Viertelstunde drei machen müssen", knurrte Trainer Michael Lappe später. "Aber meine Jungs wollten wohl erstmal Spannung aufbauen." Köllerbachs Antwort? Zwei Torschüsse im ganzen Spiel, einer davon in der 84. Minute - das spricht Bände. Der Rest war Verteidigungsarbeit in Reinform. Rechtsverteidiger Knud Fritsch schob sich so tief zurück, dass man ihn zeitweise im Schatten seines eigenen Torpfostens vermutete. Und wenn sich doch mal ein Ball nach vorne verirrte, stand meist Benyamin Voss allein auf weiter Flur. "Ich hab versucht, mit dem Wind zu kombinieren", witzelte Voss nach der Partie, "aber der war auch eher defensiv eingestellt." Die erste Halbzeit endete torlos, obwohl Emsdetten gefühlt schon alle Varianten des Scheiterns ausprobiert hatte. Julian Salvadorez scheiterte gleich dreimal, einmal an Wimmer, einmal an der Latte, einmal an sich selbst. In der Pause sah man Trainer Lappe wild gestikulierend in der Kabine verschwinden - und offenbar wirkte die Ansprache. "Er hat gesagt, wir sollen endlich aufhören, schön zu spielen", verriet Flügelspieler Sebastian Nagel. "Also haben wir hässlich getroffen." In der 63. Minute war es dann so weit: Nagel bediente Salvadorez mustergültig, der Mittelstürmer blieb diesmal eiskalt und versenkte den Ball zum 1:0. Das Stadion atmete hörbar auf - und keine vier Minuten später legte Nagel selbst nach. Ein flacher Pass von Kay Lohmann, ein kurzer Haken, ein Schuss ins lange Eck - 2:0, Deckel drauf, Feierabend. "Das war so ein Moment, wo du denkst: Jetzt läuft’s. Und dann schaust du auf die Uhr und merkst, es sind noch 20 Minuten", grinste Nagel hinterher. Die letzten Minuten waren weniger Fußball als Verwaltungsarbeit mit Gelbsucht: Innenverteidiger André Blanchard sah erst Gelb (66.) und dann Gelb-Rot (88.), weil er einen Köllerbacher Konter mit einer Mischung aus Mut und Verzweiflung stoppte. "Ich hab den Ball gespielt", beteuerte er auf dem Weg in die Kabine - niemand widersprach, vermutlich aus Mitleid. Köllerbach nutzte die Überzahl nicht, vielleicht auch, weil sie überrascht waren, überhaupt mal in der gegnerischen Hälfte zu stehen. Ihr Trainer, der nach Abpfiff nur den Kopf schüttelte, murmelte: "Wir hatten den Plan, kompakt zu stehen. Leider standen wir dann nur." Die Statistik sprach Bände: 18:2 Schüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, leichtes Übergewicht beim Ballbesitz - Borussia Emsdetten dominierte in allen relevanten Kategorien. Und doch blieb ein Rest von Unzufriedenheit. "Wir müssen früher den Sack zumachen", mahnte Coach Lappe, "sonst krieg ich irgendwann graue Haare." Torhüter Jefim Prudnikow hatte dagegen einen entspannten Abend. "Ich hab mehr gefroren als gehalten", scherzte der Keeper. "Aber zu null ist zu null - das nehm ich mit." Als die Flutlichter erloschen und die Fans in dicken Jacken Richtung Ausgang trotteten, lag über Emsdetten diese besondere Mischung aus Erleichterung und Euphorie. Zwei Tore, drei Punkte, ein klarer Sieg - und doch das Gefühl, dass da noch mehr drinsteckt. Vielleicht ist das genau das Gefährliche an dieser Borussia: Sie spielt, als würde sie sich selbst herausfordern. Erst, wenn es wirklich eng wird, schaltet sie den Turbo ein. Für Trainer Lappe mag das nervenaufreibend sein, für die Zuschauer ist es pures Entertainment. Oder, wie ein Fan am Bierstand sagte, während er die kalten Finger am Becher wärmte: "Wenn die so weitermachen, brauch ich bald Herztabletten - aber ich komm trotzdem wieder." 16.03.643987 06:45 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund