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Das Stadion von Victoria City war mit 27.000 Zuschauern gut gefüllt, die Stimmung vor dem Anpfiff elektrisierend. Doch wer dachte, er würde an diesem Februarsamstag ein ausgeglichenes Spiel des 4. Spieltags der 1. Liga Kanada erleben, wurde Zeuge eines kleinen Fußball-Lehrstücks. Die Quebec Blues, trainiert von Lutz Lindemann, zerlegten die Gastgeber mit chirurgischer Präzision - 1:5 hieß es am Ende. Und das war, nüchtern betrachtet, sogar noch schmeichelhaft für Victoria. Dabei fing alles gar nicht so übel an. Die Hausherren hatten mehr Ballbesitz (53 Prozent), spielten gefällig, kombinierten ruhig - und vergaßen dabei nur das Wesentliche: Tore schießen. Nach zwölf Minuten klingelte es zum ersten Mal, als Quebecs rechter Flügelflitzer André Paré einen Abpraller humorlos in die Maschen drosch. "Ich hab einfach draufgehalten, weil keiner kam", grinste Paré später in die Mikrofone. Die Antwort kam prompt: In der 19. Minute traf der gerade einmal 19-jährige Owen Blais nach feiner Vorarbeit von Pedro Brito zum 1:1. Das Publikum tobte, der Stadionsprecher überschlug sich, und kurz schien es, als könne Victoria die Partie in den Griff bekommen. "Da dachte ich: Jetzt geht’s los", sagte Trainerassistent Raymond Hudson nach dem Spiel mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich machte, dass es eben nicht losging. Denn kaum war der Jubel verklungen, schoss Quebecs Joseph Johnstone die Blues wieder in Führung (20.). Ein trockener Schuss, keine zwei Minuten nach dem Ausgleich - und die Moral der Gastgeber bekam erste Risse. Zur Pause stand es 1:2, und auf den Rängen hoffte man, dass Heimtrainer (dessen Name die Vereinsführung im Nachgang lieber nicht mehr hören wollte) in der Kabine die richtigen Worte finden würde. Stattdessen fanden die Blues nach Wiederbeginn das nächste Tor: 46. Minute, wieder eine dieser flinken Kombinationen über links, Olivier Krieger legte quer, Kobe Piersens drückte den Ball über die Linie. 1:3 - und das Spiel war im Grunde entschieden. "Wir haben uns vorgenommen, offensiv zu bleiben", erklärte Quebec-Coach Lindemann später mit einem süffisanten Lächeln. "Und wenn die anderen das zulassen, ist das ja auch eine nette Abwechslung." Seine Spieler setzten diese "Abwechslung" mit gnadenloser Effizienz um. Die Blues gaben 13 Schüsse auf das Tor ab - fast doppelt so viele wie Victoria (6) - und wirkten in jeder Aktion entschlossener. Victoria mühte sich, hatte zwischendurch tatsächlich längere Ballbesitzphasen, doch es blieb beim Mühen. Owen Blais rannte, Brito fluchte, und Torwart Ryan Celine schrie seine Abwehr an, als könne er mit Lautstärke Gegentore verhindern. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", sagte er später über die Einschläge im eigenen Netz, "es klang einfach immer gleich." In der Schlussphase wurde es dann bitter. Erst traf Johnstone erneut (81.) nach Vorlage des eingewechselten Jaime Mourino, dann legte Piersens seinen zweiten Treffer (85.) nach - wieder auf Zuspiel von Krieger. Zwei fast identische Szenen, zwei Mal völlige Orientierungslosigkeit in der City-Abwehr. "Das war wie ein Déjà-vu, nur schlimmer, weil’s echt war", seufzte Verteidiger Corey Lockwood. Selbst die Gelben Karten wirkten wie Nebendarsteller in diesem Drama: Paul Musgrave von den Blues sah früh im zweiten Durchgang Gelb (62.), Olivier Krieger ebenfalls (78.), während auf Seiten der Gastgeber Luke Adams (75.) verwarnt wurde - vermutlich aus Frust, weil er wenigstens irgendetwas tun wollte. Statistisch gesehen war Victoria gar nicht so weit weg: mehr Ballbesitz, fast gleich viele Zweikämpfe. Aber Fußball wird nun einmal nicht im Excel-Sheet gewonnen. Quebec spielte mit aggressiver Offensive, während City zu lange auf "kontrolliertes Risiko" setzte - also auf gar keines. Als Schiedsrichter Dempsey nach 90 Minuten abpfiff, sah man auf der einen Seite jubelnde Blues, auf der anderen ratlose City-Spieler, die wie Statisten in ihrer eigenen Tragödie wirkten. Trainer Lindemann fasste den Abend trocken zusammen: "Manchmal läuft’s einfach. Heute lief’s." Und Victoria? Vielleicht sollten sie die Partie als teures Lehrstück verbuchen. Ein Abend, an dem sie den Ball zwar oft hatten, aber nie wirklich wussten, was sie mit ihm anfangen sollten. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Ballbesitz ist schön - wenn man weiß, wo das Tor steht." Ein Satz, der in dieser Nacht wohl noch lange in den Katakomben von Victoria City nachhallte. 03.07.643990 15:30 |
Sprücheklopfer
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