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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob der Heimvorteil vielleicht überbewertet ist. Genau so einer war der Dienstagabend im prall gefüllten Stadion von London United. 49.562 Zuschauer sahen, wie ihre Mannschaft zwar 56 Prozent Ballbesitz hatte - aber die Quebec Blues mit gnadenloser Effizienz den Ball viermal ins Netz beförderten. Am Ende stand ein klares 1:4 auf der Anzeigetafel, und man konnte fast Mitleid mit Trainer Ron Wiesel haben, der an der Seitenlinie wirkte, als überlege er, ob er nicht doch besser Curling-Trainer geworden wäre. Dabei begann alles gar nicht so schlecht. London spielte gefällig, kombinierte sauber durch das Mittelfeld, ließ Ball und Gegner laufen. Javier Antolinez verteilte die Bälle wie ein fleißiger Postbote, und Linksaußen Stille Osterhoudt prüfte den Quebec-Keeper Jerome Leachman bereits in der 15. Minute mit einem satten Schuss. Doch statt des Jubels ertönte nur das dumpfe Aufstöhnen der Fans - gehalten. Dann kam die 28. Minute, und die Blues schlugen eiskalt zu: Marwin Sonnenschein, der Name klingt nach Frühlingsmorgen, traf mit der Kälte eines Polarforschers. Nach einer butterweichen Flanke von Paul Musgrave stieg der Stürmer am höchsten und köpfte unhaltbar ein - 0:1. London Uniteds Abwehr? Kurz im kollektiven Mittagsschlaf. "Wir wussten, dass sie anfällig sind, wenn man Druck macht", grinste Quebec-Coach Lutz Lindemann später. "Und Marwin hat halt wieder geliefert. Der Mann trifft sogar im Training, wenn wir Eishockey spielen." Die zweite Halbzeit begann mit einem Déjà-vu. 57. Minute: Wieder Sonnenschein, wieder eiskalt, diesmal nach Vorarbeit von Andre Paré. 0:2 - und die Stimmung im Stadion kippte von "optimistisch" zu "philosophisch". Trainer Wiesel schrie seine Jungs nach vorne, aber was nützt Pressing, wenn der Gegner einfach besser schießt? London wehrte sich, und in der 65. Minute keimte Hoffnung auf: Stille Osterhoudt, bisher der auffälligste United-Spieler, vollendete nach toller Vorarbeit von Vitorino Vidigal zum 1:2-Anschlusstreffer. Ein Tor, das zumindest kurzzeitig den Glauben zurückbrachte. Osterhoudt rannte jubelnd zur Eckfahne und brüllte: "Jetzt geht’s los!" - Leider ging’s nicht. Denn kaum vier Minuten später stellte Quebec den alten Abstand wieder her. Kobe Piersens, der schon zuvor mit drei Torschüssen genervt hatte, verwandelte nach Pass von Julio Ordonez zum 1:3. Und als derselbe Ordonez in der 85. Minute selbst traf, assistiert von Paré, war das Schicksal der Londoner endgültig besiegelt. Die Statistik liest sich wie ein schlechter Witz: London hatte mehr Ballbesitz, mehr Pässe, aber Quebec zwölf Torschüsse - doppelt so viele wie die Gastgeber - und vier Treffer. Effizienz auf kanadisch. "Wir spielen Eishockey mit Fußballregeln", lachte Piersens nach dem Spiel. "Und heute war’s ein Powerplay." Auch die Gelben Karten zeigten, dass es nicht an Einsatz mangelte. Londons Dylan McLeod sah Gelb nach einem rustikalen Zweikampf in der 40. Minute - und musste später verletzt raus. Der junge Thierry Pilat kam für ihn, sichtlich nervös, aber bemüht. "Ich hatte das Gefühl, die Fans erwarten ein Wunder", sagte der 20-Jährige später. "Aber Wunder dauern manchmal länger." Bei den Blues lief alles nach Plan, sogar die Wechsel wirkten wie aus dem Lehrbuch. Lindemann brachte Christopher Berard in der 59. Minute - frische Beine im Mittelfeld, Ruhe am Ball. Später durfte Sonnenschein unter Applaus raus, Diego Sousa kam und grinste: "Ich hab gehofft, dass ich auch noch eins mache - aber vier sind auch genug, oder?" Ron Wiesel stand nach Abpfiff lange an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen. "Das war kein 1:4-Spiel", murmelte er in die Kameras. "Wir sind nur an vier unglücklichen Momenten gescheitert." Die Reporter nickten mitfühlend, während im Hintergrund die Blues ausgelassen vor ihrer Kurve tanzten. Ob London United aus dieser Klatsche lernt, wird sich zeigen. 45 Prozent gewonnene Zweikämpfe, kaum Durchschlagskraft im Strafraum und eine Defensive, die mehr Fragen als Antworten bot - das ist Stoff für viele Trainingsstunden. Quebec dagegen bleibt auf Kurs, spielt frech, aggressiv, offensiv - und hat mit Lindemann einen Trainer, der offenbar weiß, wo der Spaß wohnt. "Wenn du vier Tore auswärts machst, darfst du ruhig feiern", sagte er mit einem Augenzwinkern. Und während die Blues jubelten, sangen ihre Fans in der Ecke des Stadions - laut, falsch, aber glücklich. Am Ende bleibt die Erkenntnis: London hatte den Ball, Quebec das Spiel. Und manchmal ist Fußball eben so einfach. 03.09.643993 01:07 |
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