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Ein lauer Frühlingsabend, 37.301 Zuschauer im ausverkauften "Stade du Nord" - und ein Heimteam, das offenbar vergessen hatte, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Die Quebec Blues spielten am 15. Spieltag der 1. Liga Kanada gegen die Kamloops Reds, aber ehrlich gesagt: Sie brauchten den Gegner kaum. Das 5:0 war weniger ein Spiel, mehr eine Demonstration. Schon in der ersten Minute legte Barend Veeder los, prüfte den gegnerischen Torwart mit einem Kracher aus 20 Metern. "Ich wollte einfach mal schauen, ob er wach ist", grinste der Niederländer nach der Partie. Der Keeper war es - vorerst. Doch das Bollwerk der Reds hielt nur bis zur 32. Minute. Da kombinierte sich Quebec über links durch: Veeder auf Krieger, und der schob trocken zum 1:0 ein. Trainer Lutz Lindemann riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. Die Kamloops Reds? Nun ja. Sie hatten mehr Ballbesitz (55 Prozent), aber das fühlte sich eher nach Beschäftigungstherapie an. Drei Torschüsse in 90 Minuten - das ist in etwa so viel wie ein Torwart beim Aufwärmen zulässt. Philippe Donovan versuchte es mal halbherzig aus der Distanz, Gerard Boissieu mal flach in die Arme von Trottier - das war’s. Nach der Pause wurde aus dem blauen Abend ein Feuerwerk. Quebec blieb offensiv, fast trotzig offensiv. "Wir wollten nicht verwalten, sondern veredeln", sagte Lindemann später. In der 62. Minute machte Hanns Lauer das 2:0. Nach einem feinen Zuspiel von Christopher Berard knallte er den Ball humorlos ins rechte Eck. "Ich hab gar nicht überlegt", bekannte Lauer. "Wenn ich überlege, geht’s meistens daneben." Dann kam die Viertelstunde des Grauens für Kamloops. Erst traf Krieger erneut (72.) nach Flanke von Rechtsverteidiger Polikarp Iwanow - der Name klingt nach russischem Panzer, und so war auch der Pass: gerade, wuchtig, unaufhaltsam. Eine Minute später stand wieder Lauer richtig, drückte einen Abpraller zum 4:0 über die Linie. Der Jubel war inzwischen eher ein kollektives Staunen: Wie konnte ein Team mit weniger Ballbesitz und nur 44 Prozent Spielanteil derart effizient sein? Als Krieger ausgewechselt wurde, brandete Applaus auf - und der junge Olivier Young, gerade 19, nutzte seine Bühne. In der 77. Minute stürmte er über rechts, ließ zwei Verteidiger stehen und schob den Ball mit der Unschuld eines Teenagers ins lange Eck. 5:0. Das Stadion tobte. Lindemann lachte auf der Bank: "Ich wollte ihm eigentlich nur ein paar Minuten geben, um Erfahrung zu sammeln. Jetzt muss ich ihm wohl nächste Woche wieder bringen." Die Reds dagegen wirkten zu diesem Zeitpunkt wie ein Team, das lieber in den Bus steigen würde. Ihr Trainer, der nach Abpfiff wortlos in der Kabine verschwand, schickte später eine knappe Erklärung: "Wir hatten einen Plan. Leider hatte Quebec einen besseren." Auch Schiedsrichterin Claire Duval hatte einen ruhigen Abend - abgesehen von drei Gelben Karten (Lauer, Musgrave und Viejo). Wäre sie strenger gewesen, die Reds hätten wohl trotzdem kein Tor geschossen. Quebecs Abwehr stand so sicher wie die kanadischen Felsen, und Torwart Thomas Trottier hätte theoretisch auch einen Liegestuhl aufstellen können. In den Katakomben scherzte Kapitän Krieger: "Wenn wir so weitermachen, müssen wir bald Eintritt für unsere Gegner verlangen." Und Lauer ergänzte grinsend: "Ich hab gehört, Kamloops hat mehr Ballbesitz - vielleicht zählen sie auch die Minuten, in denen sie den Ball aus dem Netz holen mussten." Statistisch war’s ein Paradox: 14 Torschüsse der Blues, 3 der Reds, 44 Prozent Ballbesitz, aber fünf Tore. Quebec spielte geradlinig, aggressiv und mit dem Selbstverständnis eines Tabellenführers - auch wenn sie es offiziell (noch) nicht sind. Zum Schluss brachte Lindemann es auf den Punkt: "Offensive ist die beste Verteidigung. Und Spaß hatten wir auch." Man glaubt es ihm sofort - selten sah man ein Team, das in Blau so rotglühend spielte. Und Kamloops? Die sollten vielleicht den nächsten Gegner warnen: Die Blues tanzen wieder. 22.04.643994 12:40 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel