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Es war ein Abend, der den 39.394 Zuschauern im BC Place Stadium noch lange in Erinnerung bleiben dürfte - vor allem denen, die in Blau angereist waren. Die Quebec Blues lagen zur Pause 0:1 hinten, wirkten harmlos wie eine Jazzband im Halbschlaf, und gingen dann in der zweiten Halbzeit plötzlich ab wie ein improvisiertes Saxofon-Solo: vier Tore in 40 Minuten, Endstand 4:2. Vancouver Whitecaps dagegen standen am Ende da wie ein Orchester ohne Dirigenten. Dabei begann alles nach Maß für die Hausherren. Schon in der 13. Minute brachte Morgan Blanchet die Whitecaps in Führung - nach feinem Zuspiel von Thomas Lithgow. Ein klassischer Angriff über die linke Seite, kurz und präzise, wie vom Reißbrett. "Da hatten wir sie, wir waren im Flow", grinste Blanchet später, "und ich dachte ehrlich: heute machen wir die Blues blau." Nun ja, das dachten viele im Stadion. Quebec schien erst einmal ratlos, Jaime Mourino und Julien Malfoy schossen aus allen Lagen, aber der Ball wollte einfach nicht rein. Sechs Abschlüsse in den ersten 20 Minuten, alle irgendwo zwischen Hochhaus und Hotdog-Verkäufer. Vancouver verwaltete die knappe Führung und hatte sogar mit 54 Prozent Ballbesitz mehr vom Spiel - was allerdings, wie wir später lernen sollten, kein Trost ist, wenn man beim Verteidigen auf Standfußball umstellt. Nach der Pause kam Quebec wie ausgewechselt zurück. Trainer Lutz Lindemann muss in der Kabine die passende Motivationsmischung gefunden haben - vielleicht Jazz und Chili zusammen. Schon zwei Minuten nach Wiederanpfiff schlug Mourino zu. Ausgerechnet er, der zuvor mehrfach am glänzenden Keeper Federico Puddu gescheitert war, traf nach Zuspiel von Christopher Berard zum 1:1. "Ich habe ihm gesagt: Wenn du triffst, lade ich dich zum Abendessen ein", verriet Lindemann mit einem verschmitzten Lächeln. "Jetzt wird’s teuer." Und Quebec hatte Blut geleckt. Nur vier Minuten später kam die Blues-Walze erneut ins Rollen: Hanns Lauer hämmerte den Ball nach Vorlage von Joseph Johnstone unter die Latte - 2:1 für Quebec. Der Jubel im Gästeblock war ohrenbetäubend, die Whitecaps dagegen blickten sich an, als hätten sie gerade erfahren, dass der Kaffee im Stadion alle ist. Doch Vancouver gab nicht sofort auf. In der 53. Minute glich Marc Bouchard aus - ein wuchtiger Schuss nach Vorarbeit von Alexandre Huxley. 2:2, und das Stadion kochte wieder. "In dem Moment dachte ich, wir kriegen die Wende hin", sagte Whitecaps-Coach nach dem Spiel und schüttelte den Kopf. "Aber dann haben wir aufgehört, Fußball zu spielen." Denn die Blues legten noch einmal zwei Gänge zu. Linus Wiese, eigentlich rechter Verteidiger, tauchte in der 78. Minute plötzlich im Strafraum auf, nach einem Pass von Malfoy - und schlenzte den Ball technisch fein ins Eck. 3:2 für Quebec. Und als Vancouver noch überlegte, ob man das als Ausrutscher verbuchen könne, setzte Julio Ordonez in der 81. Minute den Schlusspunkt. Wieder war Johnstone der Vorlagengeber, wieder schlief die Whitecaps-Abwehr tief und fest. 4:2 - das Spiel war entschieden. Statistisch war’s ein klarer Fall: 17 Torschüsse für Quebec, nur 6 für Vancouver. Die Blues waren aggressiver, bissiger, entschlossener. Ihr Pressing nahm in der Schlussphase sogar noch zu - während Vancouver weiterhin "balanciert" spielte, was in der Praxis so viel hieß wie: höflich Platz machen. "Wir wollten das Spiel nicht nur drehen, sondern auch ein Zeichen setzen", sagte Lindemann nach dem Spiel. "Und ich denke, vier Tore auswärts dürfen als Zeichen gelten." Mourino lachte daneben: "Wir haben einfach aufgehört, schön zu spielen - und angefangen, Tore zu schießen." Die Whitecaps hingegen wirkten nach Spielende konsterniert. Kapitän Luís Veloso murmelte in die Mikrofone: "Manchmal ist Fußball einfach grausam. Heute war einer dieser Tage." Vielleicht war es mehr als das: ein taktischer Offenbarungseid. Vancouver blieb seiner kontrollierten, ausgeglichenen Linie treu, während Quebec mutig auf Offensive und später sogar auf volles Pressing setzte - und belohnt wurde. So reisten die Blues mit drei Punkten im Gepäck und breitem Grinsen nach Hause, während Vancouver sich fragen muss, wo die zweite Halbzeit eigentlich geblieben ist. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Wir hatten den Ball, sie hatten die Tore - und leider zählt das Falsche mehr." 30.08.643990 14:30 |
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