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Was für ein Abend im "National Stadium" von Kingston! 44.752 Zuschauer erlebten ein Derby, das alle Zutaten für eine jamaikanische Fußballoper mit sich brachte: Sonne, Schweiß, Emotionen - und ein Teenager, der zum Helden wurde. Am Ende siegten die Kingston Blues mit 2:1 (0:1) bei den Kingston Junglists - und das nach einem Spiel, in dem sie lange aussahen wie die Verzweifelten dieser Stadt. Dabei begann alles nach Maß für die Gastgeber. Schon in der 12. Minute zappelte der Ball im Netz - Gerard Beyince, 22 Jahre jung und schnell wie ein Tropensturm, vollendete nach präziser Vorlage von Caio Caneira mit links ins lange Eck. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass der Ball nicht im Park landet", grinste Beyince später. Das 1:0 war verdient, die Junglists spielten in der ersten Hälfte abgeklärt, mit etwas mehr Ballbesitz (53 Prozent) und cleverem Positionsspiel. Trainer Andreas Müller stand zufrieden an der Seitenlinie, die Hände in den Hosentaschen, als wollte er sagen: "Läuft schon." Die Blues dagegen wirkten wie eine Band, die ihr eigenes Lied vergessen hat. 18 Torschüsse hatten sie am Ende, aber in der ersten Hälfte trafen sie höchstens das Fangnetz. Valentino Belvedere, der rechte Flügelspieler mit der Frisur eines 80er-Rockstars, drosch schon in der zweiten Minute drauflos - und wieder, und wieder. "Ich dachte, irgendwann muss einer rein", murmelte er später, "aber Noe Vaz im Junglists-Tor war heute einfach überall." Der Keeper strahlte tatsächlich die Ruhe eines Yoga-Lehrers aus, während um ihn herum die Blues verzweifelten. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild nur langsam. Die Junglists standen tief, vielleicht zu tief, und Müller ließ sein Team "balanciert" weiterspielen - laut Statistik und laut Augenschein. Die Blues aber schalteten einen Gang hoch, Trainer Kevin Tüllinghoff gestikulierte wild, als würde er ein Orchester dirigieren. In der 45. Minute brachte er den 17-jährigen Stephane Jean-Pierre - ein Wechsel, der das Spiel kippen sollte. Der Junge wirkte zunächst wie ein Schüler, der sich auf dem Pausenhof verlaufen hat. Kaum Körperkontakt, ein paar unsichere Pässe. Doch dann kam die 80. Minute. Belvedere drang über rechts in den Strafraum, passte scharf nach innen - und Jean-Pierre hielt einfach den Fuß hin. 1:1. Stadion still, Bank der Blues explodiert. "Ich hab gar nicht richtig gesehen, wie er reinging", sagte Jean-Pierre später schüchtern, "ich hab nur gespürt, dass mich plötzlich drei Männer umarmt haben." Das Derby schien auf ein gerechtes Remis zuzusteuern, doch die Blues rochen Blut. Tüllinghoff brüllte von draußen: "Weiter, weiter, noch einer!" Und tatsächlich: In der 89. Minute schlug Robert Bonald zu. Der 32-jährige Mittelstürmer nahm eine butterweiche Flanke von Christophe Besson per Direktabnahme - 2:1. Der Ball rauschte unter die Latte, und plötzlich tanzten die Blues wie bei einem Straßenfest in Trenchtown. "Wir haben nie aufgehört zu glauben", sagte Bonald nach dem Schlusspfiff. "Und ehrlich: Nach so vielen vergebenen Chancen war das Tor fast eine Erleichterung - und ein kleines Wunder." Die Junglists dagegen standen konsterniert auf dem Rasen. Sie hatten das Spiel kontrolliert, aber nicht entschieden. "Man darf sich nicht 80 Minuten hinten reinfallen lassen und dann hoffen, dass nix passiert", knurrte Trainer Müller, der während der Schlussphase mehrfach frustriert in seine Notizen biss. "Vielleicht hat uns ein bisschen Mut gefehlt - und ein bisschen Glück." Statistisch betrachtet war es ein seltsames Spiel: Die Junglists hatten mehr Ballbesitz, aber nur sieben Torschüsse. Die Blues dagegen feuerten aus allen Lagen (18 Schüsse) und spielten, wie es ihre Taktik vorgab - offensiv, aggressiv, lang, manchmal wild. Sie gewannen mehr Zweikämpfe (55 Prozent), zeigten mehr Biss und am Ende auch mehr Herz. In der Nachspielzeit kam es noch zu einer kleinen Szene, die das Spiel perfekt zusammenfasste: Der junge Jean-Pierre, inzwischen mit Krämpfen kämpfend, wollte einen Pass spielen, stolperte - und grinste. "Ich hab noch nie so viel gelaufen", japste er nach Abpfiff, "aber für so ein Derby lohnen sich Blasen an den Füßen." Und so bleibt festzuhalten: Die Blues sind wieder wer in Kingston. Derbys sind keine Frage der Statistik, sondern des Glaubens - und der Glaube der Blues war an diesem Abend so stark wie der Sound aus den Lautsprechern. Am Ende verabschiedeten sich beide Teams mit Handschlag, und während die Blues sangen, summte Müller etwas, das wie ein Fluch klang - oder ein Versprechen fürs Rückspiel. 12.10.643987 09:09 |
Sprücheklopfer
Der Jürgen Klinsmann und ich, wir sind ein gutes Trio. Ich meinte: ein Quartett.
Fritz Walter Junior