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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob der Gegner überhaupt rechtzeitig aus der Kabine gekommen ist. Kaum hatte Schiedsrichter Möller den Anstoß freigegeben, zappelte der Ball schon im Netz: Nach gerade einmal 60 Sekunden traf Claus Kluge für den SC Leverkusen und brachte das Stadion mit seinen 10.133 Zuschauern in Wallung. Trainer Martin Harder rieb sich später lachend die Hände: "Ich wollte eigentlich erst mal sehen, wie Jena steht - aber Claus hatte offenbar andere Pläne." Von diesem Schock erholte sich CZ Jena nie so richtig. Während Leverkusen in den ersten 20 Minuten eine Art Dauerbelagerung aufführte, kamen die Gäste kaum über die Mittellinie. 22 Torschüsse am Ende sprechen eine deutliche Sprache - und Jenas Null auf der Schussbilanz ist fast schon poetisch in ihrer Trostlosigkeit. Der 17-jährige Marko Lee, der rechts vorne wirbelte, hatte offenbar beschlossen, den Abend als privaten Schießstand zu betrachten. Zwischen der 4. und 78. Minute prügelte er den Ball gefühlt im Minutentakt Richtung Tor. "Ich wollte einfach irgendwann treffen", grinste Lee nach dem Spiel - und konnte sich den Nachsatz nicht verkneifen: "Aber der Keeper von Jena hat wohl seinen besten Tag des Jahres erwischt." Jenas Trainer Andreas Behrens hingegen sah weniger Anlass zur Heiterkeit: "Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, kompakt zu stehen. Nach einer Minute war das Konzept dann Makulatur." Seine Mannschaft wirkte tatsächlich wie eingefroren. Kein Pressing, kaum Zweikämpfe, 45 Prozent Ballbesitz und eine Tacklingquote, die auf eine gewisse Scheu vor Körperkontakt schließen lässt - 39 Prozent, um genau zu sein. Leverkusen dagegen zeigte Spielfreude, ohne in Arroganz zu verfallen. Carlos Sa Pint, mit 22 Jahren schon auffallend abgeklärt, erhöhte in der 66. Minute mit einem trockenen Schuss aus 18 Metern auf 2:0. Da hatte Jenas Abwehr längst aufgehört, wirklich zu glauben. "Ich hab einfach gedacht: Wenn ich’s nicht mache, macht’s der Stephane", erklärte Sa Pint später mit einem Augenzwinkern - und sollte recht behalten. Denn nur sieben Minuten später war es tatsächlich Stephane Martens, der nach sehenswerter Kombination über Scott und Lee das 3:0 markierte. "Der Pass kam perfekt, ich musste nur noch den Fuß hinhalten", sagte Martens anschließend, fügte aber mit einem Grinsen hinzu: "Ich nehm’s trotzdem als Traumtor." Während Leverkusen im Offensivmodus blieb, wirkte Jena zunehmend ratlos. Ihr Kapitän Oskar Gerlach versuchte, seine Mitspieler lautstark zu motivieren - man hörte ihn noch in Reihe 20 -, doch selbst das half nicht. Der einzige nennenswerte Eintrag in Jenas Statistik blieb eine Gelbe Karte für Yanik Lange kurz vor der Pause. Immerhin, er hat sich an diesem Abend in die Datenbank eingetragen. Leverkusens Abwehrchef Jacob Lineback hatte dagegen einen erstaunlich ruhigen Abend: "Ich hätte fast gefroren da hinten", witzelte er nach dem Spiel. Torwart Elias Jacob musste keinen einzigen Ball halten - und machte trotzdem eine gute Figur, indem er seine Vorderleute ständig dirigierte. Trainer Harder lobte nach dem Spiel die Disziplin seines Teams: "Wir sind offensiv geblieben, aber konzentriert. So stelle ich mir das vor." Auf die Frage, ob er sich nach dem frühen Tor schon sicher gefühlt habe, antwortete er trocken: "Sicher? Nach einer Minute? Da kann noch viel schiefgehen. Aber heute halt nicht." Für Jena bleibt die Erkenntnis, dass man in dieser Liga mit "balanced" Taktik und ohne Pressing wenig reißen wird. Behrens kündigte an, "die Woche über alles zu hinterfragen - vielleicht sogar den Frühstücksplan". Am Ende jubelte Leverkusen über einen verdienten 3:0-Heimsieg, der in seiner Klarheit kaum Fragen offenließ. Die Fans verabschiedeten ihr Team mit stehenden Ovationen, während sich die Gäste still in die Kabine schlichen. Vielleicht wird man in Jena irgendwann sagen, dieser Abend in Leverkusen sei der Moment gewesen, an dem man beschlossen habe, Fußball wieder offensiver zu spielen. Für die Leverkusener jedenfalls war es ein Festabend. Oder, wie ein euphorischer Zuschauer beim Hinausgehen sagte: "Wenn das so weitergeht, druck ich mir die Tabelle aus und rahm sie mir ein." Ein Satz, der wohl auch Trainer Harder gefallen dürfte. 28.03.643987 09:00 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll