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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob der Fußballgott Humor hat - und wenn ja, warum er so früh Feierabend macht. 27.000 Zuschauer im Mattersburger Stadion erlebten am 10. Spieltag der 1. Liga Österreich ein Spiel, das schon in der zweiten Minute entschieden wurde - und danach trotzdem 88 Minuten lang Spannung versprach. Am Ende hieß es 0:1 aus Sicht des SC Mattersburg, während Blau-Gelb Wien einen Arbeitssieg der etwas nervösen Sorte mit nach Hause nahm. Der Held des Abends? Marko Raab, 30 Jahre alt, zentraler Mittelfeldmann mit der Eleganz eines Schachspielers und der Effizienz eines Uhrwerks. Nach genau 120 Sekunden verwandelte er den ersten ernsthaften Angriff der Gäste in Gold: Tyler MacMillan, der flinke rechte Mittelfeldspieler, legte mustergültig quer - Raab nahm Maß, ein trockener Schuss, und schon stand es 1:0. "Ich dachte, das war nur ein Aufwärmschuss", grinste Raab nach der Partie, "aber wenn der gleich reingeht, beschwere ich mich nicht." Was danach folgte, war ein Lehrstück in verpassten Chancen und zähem Aufbäumen. Blau-Gelb Wien hatte das Spiel im Griff - zumindest statistisch: 20 Schüsse auf das Tor gegenüber 6 der Mattersburger, 52 Prozent Ballbesitz, und eine Zweikampfquote, die eher nach Arbeitsschicht im Steinbruch klang (56 Prozent gewonnene Zweikämpfe). Nur auf der Anzeigetafel blieb es beim Minimalismus. Trainer Patrick Jurkovitz wirkte nach Schlusspfiff erleichtert, aber nicht restlos zufrieden. "Das war kein Schönheitspreis, das war Handwerk", sagte er mit einem Schulterzucken. "Wir haben früh getroffen, dann irgendwie aufgehört, Fußball zu spielen. Aber gut - wir nehmen die Punkte mit und reden morgen über die Nerven." Die Nerven waren auch bei den Gastgebern ein Thema. SC Mattersburgs Trainer - der Name fiel an diesem Abend öfter in Richtung vierter Offizieller als in Interviews - musste zusehen, wie seine Mannschaft zwar tapfer kämpfte, aber offensiv meist an der blauen-gelben Wand scheiterte. Ralph Herzog versuchte es in der 18. und 43. Minute, Christoph Binder kurz vor der Pause - doch Torhüter Mark Michel, gerade einmal 17 Jahre alt, parierte mit der Ruhe eines Mannes, der offenbar noch nie etwas von Lampenfieber gehört hat. "Ich hab’ einfach den Ball gesehen und gedacht: Den nehm ich", sagte Michel nach dem Spiel, als wäre das alles kein großes Ding. In der zweiten Halbzeit zeigte Mattersburg mehr Mut, drängte, suchte den Weg über die Flügel - Harvey Macleod, der 34-jährige Dauerläufer, prüfte den Wiener Keeper in der 66. Minute mit einem satten Linksschuss. Doch Blau-Gelb blieb gefährlicher. Yannik Behrens, der rechte Flügelstürmer, feuerte gleich viermal aufs Tor, zuletzt in der 80. Minute - jedes Mal knapp vorbei, jedes Mal begleitet von einem kollektiven Aufstöhnen der mitgereisten Wiener Fans. Die Taktik? Beide Teams setzten laut Analyse auf "balanced" - also die Fußballvariante von "wir schauen mal, was passiert". Mattersburg spielte ohne Pressing, Wien drückte nur punktuell. Das Ergebnis: viel Mittelfeldgeplänkel, viele weite Wege, wenig Ertrag. Und doch hatte das Spiel seine Geschichten. Etwa die Szene kurz vor Schluss, als Mattersburgs Torwart Ansgar Holmqvist noch einmal nach vorne stürmte, um bei einer Ecke mitzumischen. "Ich hab mich gefühlt wie Haaland", scherzte er später, "nur dass ich den Ball nicht getroffen habe." Die Szene endete, wie der Abend begann - mit einem Schuss von Marko Raab, diesmal weit über das leere Tor. Als der Schlusspfiff ertönte, wirkte es fast, als hätten beide Mannschaften vergessen, dass man auch in der zweiten Halbzeit noch Tore schießen darf. Blau-Gelb Wien jubelte trotzdem, als hätte man gerade die Meisterschaft fixiert. Die Spieler fielen sich in die Arme, während die Mattersburger Fans tapfer applaudierten - vielleicht aus Respekt, vielleicht aus Erleichterung, dass das Leiden ein Ende hatte. "Das 0:1 ist ärgerlich, aber wir haben Charakter gezeigt", sagte Mattersburgs Kapitän Vincent Lachance. "Wir waren da, wir haben gearbeitet. Nur das Glück war heute in Wien geboren." Ein Satz, der das Spiel treffend zusammenfasst. Blau-Gelb Wien hatte das Glück, Mattersburg hatte die Mühe, und der neutrale Zuschauer hatte immerhin eine Geschichte zum Erzählen. Fazit? Kein Fest für die Ästheten, aber ein Beweis, dass auch ein frühes Tor reichen kann, wenn man danach 88 Minuten lang standhält. Oder, wie es ein Fan auf der Tribüne formulierte: "Ein frühes Bett für Raab, ein spätes Gähnen für den Rest." 12.05.643987 13:18 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts