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Ein Wiener Derby, das alles hatte: Tempo, Drama, einen Hauch Chaos - und am Ende jubelten die Falschen. 36.423 Zuschauer im ausverkauften Stadion sahen am Montagabend, wie Blau-Gelb Wien eine 2:1-Pausenführung gegen Veilchen Wien noch aus der Hand gab. 2:3 hieß es nach 90 intensiven Minuten, in denen die Gäste ihre Offensive fanden und die Hausherren ihre Nerven verloren. Dabei hatte es für Blau-Gelb so verheißungsvoll begonnen. Nach einer halben Stunde kombinierten sich die Gastgeber zauberhaft durch die violette Defensive: Liam Unger, gerade einmal 20 Jahre jung, tänzelte an zwei Mann vorbei und traf aus 14 Metern ins lange Eck - 1:0! Drei Minuten später drehte der wieselflinke Inigo Velez den Spieß um: Diesmal legte Unger auf, Velez vollstreckte eiskalt. "Da dachte ich, wir reißen heute die Stadtmauer ein", grinste Velez nach dem Spiel. Doch dann kam das, was Trainer Patrick Jurkovitz nachher als "fünf Minuten geistige Abwesenheit" bezeichnete. In der 40. Minute verkürzte Benjamin Probst mit einem platzierten Schuss nach feinem Zuspiel von Patrick Albers - 2:1. "Das Tor war wie ein Wecker", sagte Gästecoach Olgaar Olgaarson später mit nordischer Trockenheit. "Ab da haben wir angefangen, Fußball zu spielen." Und wie! Nach dem Seitenwechsel griffen die Veilchen an wie eine Oper im Fortissimo. Wilhelm Rausch, der bullige Mittelstürmer der Gäste, hatte schon in der ersten Halbzeit mehrfach an Keeper Mark Michel verzweifelt. Doch in der 54. Minute platzte der Knoten: Dirk Peters schickte den Routinier in die Gasse, Rausch blieb cool und netzte zum Ausgleich. Nur eine Minute später war es wieder Rausch, diesmal bedient von Marc Schramm - doppelt getroffen, doppelt gefeiert. 2:3, und das Stadion verstummte kurz, als wäre gerade eine Bierleitung geplatzt. Blau-Gelb versuchte sich an einer Schlussoffensive, Trainer Jurkovitz wechselte wild: Phillipp Hennig kam hinten rein, Luca Albrecht durfte mit 18 Jahren Derby-Luft schnuppern. Doch was nützte der frische Wind, wenn die Veilchen sich in jeden Ball warfen? Die Gäste zeigten, warum sie mit 15 Torschüssen an diesem Abend die deutlich zielstrebigere Mannschaft waren. Die Hausherren kamen zwar auf 54 Prozent Ballbesitz, doch wirkten sie nach der Pause eher wie ein Orchester ohne Dirigenten - viel Bewegung, wenig Melodie. In der 86. Minute versuchte es Fabio Domanico noch einmal mit einem Flachschuss, in der 90. Minute hatte Velez nach einer Flanke von Albrecht die große Chance zum Ausgleich - doch der Ball segelte Zentimeter am Pfosten vorbei. "Da hab ich schon zum Jubeln angesetzt", stöhnte Jurkovitz hinterher. "Leider war das wohl zu früh." Die Veilchen verteidigten den Vorsprung mit cleverer Härte. Harald Behrendt, der schon in der fünften Minute Gelb gesehen hatte, spielte danach wie auf einem Drahtseil zwischen Genie und Platzverweis, hielt aber durch. "Ich hab einfach versucht, nicht mehr so wild zu grätschen", sagte er lachend. "Hat ja irgendwie geklappt." Nach dem Schlusspfiff wirkte Olgaarson fast überrascht über den Sieg. "Wir haben offensiv gespielt, aber ehrlich gesagt: Das 3:2 war auch eine Portion Glück." Sein Gegenüber Jurkovitz suchte keine Ausreden: "Wenn du so viele Chancen zulässt, brauchst du dich nicht wundern. Wir waren in der ersten Halbzeit besser, aber Fußball dauert nun mal länger." Und so endete der 1. Spieltag der neuen Saison mit einem klassischen Wiener Plot: Die Blau-Gelben tanzten eine halbe Stunde lang Walzer, dann übernahmen die Veilchen die Bühne - und verbeugten sich am Ende vor ihrem Publikum. Ein älterer Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt, als er beim Abgang murmelte: "Eh schön, dass wir wieder Fußball sehen. Nur schade, dass’s immer die anderen sind, die gewinnen." Vielleicht das treffendste Fazit eines Abends, der in die Kategorie "lehrreich, aber schmerzhaft" fällt - zumindest für Blau-Gelb. Für die Veilchen hingegen war’s der perfekte Auftakt: drei Tore, drei Punkte, und ein Lächeln, das vermutlich bis zum nächsten Derby hält. 21.11.643993 19:48 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel