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Was war das bitte für ein Fußballabend in Bayreuth? 12.500 Zuschauer sahen am 4. Spieltag der 2. Liga ein Torfestival, das selbst eingefleischte Statistikfreunde ins Schwitzen brachte. Am Ende jubelte die SpVgg Bayreuth über ein 4:3 gegen den TSB Flensburg - ein Ergebnis, das sich anhört wie ein Eishockeyspiel, aber in Wahrheit eine Lehrstunde in Sachen Willenskraft war. Dabei begann alles so, wie man es als Heimmannschaft eigentlich vermeiden möchte: Noch ehe das Stadionbier eingeschenkt war, zappelte der Ball schon im Netz. In der vierten Minute schlenzte Finn Sonntag das Leder nach Vorarbeit von Christian Pfeiffer ins Bayreuther Tor. Sonntag grinste später breit: "Ich dachte, der Keeper geht früher runter. Tat er nicht - war mir recht." Bayreuths Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Giuseppe Casole Bruzio, quirlig wie ein Espresso auf zwei Beinen, glich in der 16. Minute aus. Trainer Markus Herrmann brüllte da gerade Anweisungen, die - so sagen Ohrenzeugen - irgendwo zwischen "Pressing!" und "Zum Teufel, Giuseppe!" lagen. Doch Flensburg blieb eiskalt. Joel Brückner, gerade einmal 20 Jahre jung, traf in der 28. Minute, bevor Finn Sonntag mit seinem zweiten Treffer (33.) den Gästen eine 3:2-Pausenführung bescherte. Zwischendurch hatte Sotirios Mouratidis (30.) für Bayreuth noch einmal ausgeglichen - ein fulminanter Distanzschuss, der den Torpfosten küsste, bevor er einschlug. "Ich hab’s einfach mal probiert", sagte Mouratidis später mit einem Schulterzucken. "Wenn du’s nicht probierst, gehst du halt mit leeren Händen heim." Zur Pause sah man viele nachdenkliche Gesichter auf den Rängen. Bayreuth hatte mehr Ballbesitz (51,5 Prozent) und mehr Torschüsse (10 zu 6), aber lag dennoch hinten. Trainer Herrmann stapfte in die Kabine, die Tür knallte. Später verriet er: "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr schon Chaos spielt, dann bitte mit Stil!" Offenbar kam die Botschaft an. Denn nach dem Wiederanpfiff drehte sich das Spiel. Die Oberfranken liefen an, als ginge es um den letzten Stehplatz im Pokalfinale. Casole Bruzio wich, Baransel Korkut kam - und der Joker stach: In der 69. Minute verwandelte er nach Zuspiel von Björn Kremer zum 3:3. Kremer, der Dauerläufer im rechten Mittelfeld, grinste: "Ich wollte eigentlich selber draufhauen, aber dann hab ich Baransel gesehen - und dachte, ach komm, gönn ihm den Spaß." Sieben Minuten später explodierte das Stadion endgültig. Niels Weyenberg, bisher eher unauffällig, traf nach Ecke von Jean Delmas per Direktabnahme zum 4:3. Bayreuth führte - und diesmal gaben sie das nicht mehr her. Flensburg versuchte alles, stellte auf volles Pressing um, brachte die Youngster Gerhard Ritter und Christoph Benz, doch die Luft war raus. Zu allem Überfluss verletzte sich Torhüter Jens Hermann (75.) und musste durch den 17-jährigen Günter Brand ersetzt werden. "Ich hab gezittert wie bei meiner Fahrprüfung", gab Brand später lachend zu. "Aber wenigstens hat keiner gehupt." Die Schlussphase war ein einziger Nervenkitzel. Bayreuth verteidigte mit Herz, Kremer klärte auf der Linie, Mouratidis drosch den Ball irgendwann auf die Tribüne - "Sicher ist sicher", meinte er hinterher. Als Schiedsrichterin Anja Fink das Spiel abpfiff, fiel Trainer Herrmann seinem Co-Trainer um den Hals. "So ein Spiel brauchst du für die Moral", sagte er mit glänzenden Augen. "Heute haben sie gezeigt, dass sie nicht nur Fußball, sondern auch Theater können." Sein Gegenüber Amir Zulfic blieb gefasst: "Wir haben drei wunderschöne Tore geschossen. Leider auch vier weniger als nötig." Ein Blick in die Zahlen bestätigt, wie eng das Duell war: Bayreuth leicht vorn beim Ballbesitz, Flensburg mit sechs gefährlichen Abschlüssen - aber eben weniger Fortune. Taktisch setzten beide auf Offensive, doch während Bayreuth im richtigen Moment zulegte, wirkte Flensburg am Ende müde und unglücklich. Die Fans jedenfalls bekamen ihr Geld mehr als zurück. "Ich hab mein Bier verschüttet, aber es war’s wert", sagte ein Bayreuther Anhänger im gelben Trikot, während im Hintergrund jemand rief: "Das war kein Spiel - das war ein Abenteuer!" Ein Abenteuer, das Bayreuth mit drei Punkten krönte und das in der Vereinschronik wohl unter "legendäre Abende" abgeheftet wird. Und wer weiß - vielleicht erzählt man in ein paar Jahren noch von jenem 4:3 gegen Flensburg, als Fußball plötzlich wieder so wild, so unberechenbar und so herrlich menschlich war. 22.02.643987 19:30 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft