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52.000 Zuschauer im Camp Nou hatten sich auf einen gemütlichen Winterabend mit Ballbesitzfußball eingestellt. Was sie bekamen, war ein wilder Tanz zwischen Genie und Wahnsinn, bei dem am Ende der SC Valenciano mit 3:2 triumphierte - und der SC Barcelona ratlos auf dem Rasen stand. "Das war wie ein Zahnarztbesuch ohne Betäubung", knurrte Barcelonas Trainer Walter Temmel nach Spielschluss und rieb sich die Stirn. "Wir hatten das Spiel im Griff, und dann…" Er verstummte, als ihm der späte Gegentreffer wieder einfiel. In der Nachspielzeit hatte Phillip Wilhelm mit einem trockenen Abschluss den Sieg für Valenciano besiegelt - ein Moment, in dem man den kollektiven Schmerz der Katalanen fast hören konnte. Dabei hatte es gar nicht schlecht angefangen. Barcelona spielte mit knapp 50 Prozent Ballbesitz, also so ziemlich Gleichstand, und suchte früh das Tor. Francisco Cascon prüfte in der 6. Minute Gästetorwart Marc Robert, Alejandro Linares legte wenig später nach. Doch wie so oft gilt: Wer vorne nicht trifft, wird hinten bestraft. In der 29. Minute kam Valencianos Gerard Cloutier - ein Stürmer, der aussieht, als würde er morgens Espresso mit Chili trinken - zum ersten Mal gefährlich in Szene. Nach feinem Zuspiel von Marc Belanger schlenzte er den Ball ins lange Eck. 0:1. Die mitgereisten 500 Valenciano-Fans in der Ecke des Stadions klangen plötzlich wie 5.000. Barcelona antwortete in der 37. Minute mit einem wahren Kunstwerk. Daniel Velazquez legte für Roberto Bermudez auf, der aus 18 Metern Maß nahm und den Ball unhaltbar unter die Latte jagte. "Ich hab einfach draufgehauen. Wenn du nachdenkst, geht er drüber", grinste Bermudez später. Doch die Freude währte kurz. Noch vor der Pause, in der 42. Minute, schlug Cloutier erneut zu - diesmal nach einem schnellen Doppelpass mit Diego Meireles. Valenciano führte 2:1, und Walter Temmel trat die Getränkekiste um. "Symbolisch", wie er später sagte, "für unsere Abwehrarbeit in der Szene." Die zweite Halbzeit verlief taktisch wie ein Schachspiel mit leichtem Tremor. Valenciano blieb offensiv, nutzte kurze Pässe und wartete geduldig. Barcelona versuchte, das Pressing zu erhöhen, fand aber selten die Lücke. Beide Teams kamen am Ende auf exakt zehn Torschüsse - eine Statistik, die das Spiel treffend beschreibt: offen, unberechenbar, mit einem Hauch Chaos. In der 68. Minute musste Valencianos Meireles verletzt vom Feld - offenbar muskulär. Für ihn kam Phillip Wilhelm, der später zum Helden werden sollte. "Ich war eigentlich schon mit dem Kopf beim Abendessen", witzelte Wilhelm nach der Partie, "aber dann kam der Ball genau richtig." Vorher war allerdings noch einmal Zittern angesagt. In der 88. Minute glich Alejandro Linares für Barcelona aus. Nach Flanke von Faas Vanderwerken köpfte er den Ball ins Netz. Das Stadion bebte, Temmel rannte zehn Meter die Seitenlinie entlang. "Da dachte ich, wir drehen das noch", sagte er. Doch Valenciano hatte andere Pläne. In der 90. Minute, als alle schon mit dem Remis lebten, kombinierte sich der Gast über Juanito Valente durchs Mittelfeld. Der bediente Wilhelm, der abgezockt ins rechte Eck traf - 3:2. Die Valenciano-Bank explodierte, Trainer Lars Schm grinste wie ein Mann, der gerade den Lottojackpot geknackt hatte. "Wir haben an uns geglaubt", sagte er mit gespielter Bescheidenheit. "Und Cloutier hat heute wieder gezeigt, warum er den Spitznamen ’La Tempestad’ trägt." Gelbe Karten? Davon gab es reichlich: sechs insgesamt, verteilt auf beide Seiten, mit auffälliger Häufung im Mittelfeld - ein klares Zeichen dafür, dass hier niemand den Ballbesitz freiwillig abgeben wollte. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: 49,8 Prozent Ballbesitz für Barcelona, 50,2 für Valenciano. Tacklingquote? Fast identisch. Doch am Ende zählen keine Prozente, sondern Tore. Und da hatte Valenciano eben eines mehr. Während die Gäste ausgelassen vor ihren Fans tanzten, stand Temmel noch lange an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen. Ein Kameramann fragte ihn, was er jetzt tun werde. "Vielleicht erstmal schlafen", murmelte er. "Und dann das nächste Mal vorher fragen, ob Valenciano wieder so viel Lust auf Chaos hat." Ein Spiel, das alles hatte: Dramatik, Witz, Schweiß, und ein Ende, bei dem selbst der Stadionsprecher kurz stockte. Fußball in seiner schönsten, grausamsten Form. Und irgendwo in Barcelona wird heute Nacht jemand "Cloutier" googeln - nur um herauszufinden, wie man diesen Namen am besten vergisst. 11.09.643990 03:38 |
Sprücheklopfer
Wir waren alle vorher überzeugt davon, dass wir das Spiel gewinnen. So war auch das Auftreten meiner Mannschaft, zumindest in den ersten zweieinhalb Minuten.
Peter Neururer