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Wenn 21.811 Zuschauer an einem lauen Märzabend in Peristeri zusammenkommen, um ein Spiel zu sehen, bei dem der Gast keinen einzigen Torschuss zustande bringt, dann weiß man: Hier wurde Fußball gearbeitet, nicht zelebriert. Atromitos gewann am 29. Spieltag der 1. Liga Griechenland mit 1:0 gegen Kallithea FC - ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber auf dem Platz alles andere als langweilig war. Das Tor des Abends fiel in der 36. Minute und war so etwas wie ein Lichtstrahl in einem taktischen Nebel. Izzet Aydemir, der 32-jährige Linksaußen mit dem Hang zum dramatischen Auftritt, nahm einen Pass von Gerhard Rieger auf, drehte sich um die eigene Achse und schlenzte den Ball ins lange Eck. "Ich hab’ gar nicht groß nachgedacht", grinste Aydemir später, "ich dachte, wenn schon keiner schießt, mach ich’s halt." Man muss sagen: Er hatte recht. Denn Atromitos feuerte insgesamt 21 Torschüsse ab - ein Wert, der an einen Trainingsvormittag erinnert, an dem der Torabschluss geübt wird. Kallithea dagegen schoss genau nullmal auf das Tor von Jannis Lee. Ja, richtig gelesen: null. Trotz 52 Prozent Ballbesitz. "Wir wollten den Ball kontrollieren", erklärte Gästecoach Artemis Ioannis mit stoischer Ruhe. "Leider haben wir vergessen, dass man damit auch Richtung Tor muss." Atromitos-Trainer Michael Graf, ein Mann mit einer Vorliebe für klare Worte, sah das naturgemäß anders: "Wir haben offensiv gespielt, wie immer. Nur diesmal hat’s auch gereicht." Dabei begann das Spiel, sagen wir, ungeduldig. Schon in der zweiten Minute prüfte Nicola Sala den gegnerischen Keeper Bruno Serna, kurz darauf folgten Schüsse von Aydemir, Kroll und Caballero. Es war ein Anrennen ohne Unterlass, aber der Ball wollte zunächst nicht rein. Dann, in der 36. Minute, brach Aydemir den Bann - und das Stadion explodierte. Ein Fan hinter der Pressetribüne rief begeistert: "Endlich! Ich dachte schon, wir schießen heute nur, um die Statistik zu füllen!" Nach der Pause blieb Atromitos am Drücker. Xavi Mino, der bullige Mittelstürmer, setzte gleich zweimal nach, Rieger und Sala prüften Serna ebenfalls. Aber das zweite Tor wollte nicht fallen. Stattdessen gab’s Gelb für den rustikalen Innenverteidiger Alkinoos Mitroglou und später auch für den unermüdlich nach vorne marschierenden Ricardo Caballero. "Wir wollten kein Museum eröffnen, wir wollten kämpfen", sagte Mitroglou trocken, als man ihn auf seine Karte ansprach. Zwischen der 57. und 67. Minute wechselte Graf munter durch: Rauch kam für den müden Castano, Kinmont ersetzte Sala. Frische Beine, gleicher Plan: lange Bälle, mutige Abschlüsse, aggressives Pressing, sobald Kallithea mal in die Nähe der Mittellinie kam. Die Gäste hingegen blieben ihrem "balanced alignment" treu - was in diesem Fall bedeutete, dass sie weder gefährlich noch besonders inspirierend wirkten. In der Schlussphase wurde’s noch einmal hektisch. Aydemir hatte in der 91. Minute die letzte Chance, verfehlte das Tor aber knapp. Er schlug sich lachend auf die Brust, als wolle er sagen: "Mehr Tore heute? Das wär ja unfair." Nach dem Schlusspfiff wirkte Trainer Graf erstaunlich gelassen. "Manchmal reicht ein Tor. Und heute war so ein Tag. Wir haben’s kontrolliert, auch wenn der Ballbesitz was anderes behauptet." Seine Spieler klatschten sich auf dem Rasen ab, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen - vielleicht auch, weil sie wussten, wie zäh Kallithea zu knacken war, selbst ohne eigene Torchance. Und Kallithea? Die Spieler schlichen vom Platz, während Ioannis an der Seitenlinie noch seine Notizen studierte - vermutlich, um herauszufinden, wann genau sein Team aufgehört hatte, in die gegnerische Hälfte zu spielen. Ein 1:0 also. Kein Spektakel, aber ein ehrlicher, handfester Sieg. Atromitos bleibt damit in Schlagdistanz zu den oberen Tabellenrängen, während Kallithea sich mit der Erkenntnis trösten muss, dass Ballbesitz allein keine Punkte bringt. Oder, wie Aydemir beim Verlassen des Stadions noch in Richtung Presseraum rief: "Fußball ist einfach - man muss nur mal aufs Tor schießen." Ein Satz, den man vielleicht an die Kabinentür von Kallithea hängen sollte. 10.08.643993 23:44 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund