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Ein lauer Abend in Cucuta, 58.725 Zuschauer im Stadion, ein Flutlicht, das selbst den Mond neidisch machte - und zwei Mannschaften, die von Zurückhaltung offenbar noch nie gehört hatten. Atletico Cucuta und UD Bucaramanga lieferten sich am 10. Spieltag der 1. Liga Kolumbien ein wildes Duell, das am Ende mit 3:2 an die Gastgeber ging. Ein Spiel, das so offen war, dass man fast das Gefühl bekam, beide Trainer hätten das Verteidigen aus dem Trainingsplan gestrichen. "Ich habe gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil", grinste Bucaramangas Coach Papa Ancelotti nach der Partie, während sein Kollege Felix Eckball mit verschränkten Armen und einem zufriedenen Nicken antwortete: "Heute war’s keine Taktik, das war Kunst." Von Beginn an legten beide Teams los, als ginge es um den letzten Platz auf der Titanic. Bereits in der zweiten Minute prüfte Damiano Decollatura den Cucuta-Keeper Nael Manu mit einem satten Schuss - ein Warnschuss im wahrsten Sinne des Wortes. Cucuta antwortete postwendend: Bruno Gomes, 34 Jahre jung und immer noch schnell wie ein Kolibri auf Koffein, zwang den Gästetorhüter Brent Suy zu einer ersten Parade. Das erste Tor fiel in der 21. Minute - und zwar so traumhaft, dass selbst die Balljungen kurz das Klatschen vergaßen. Ramon Pacos, der flinken Flügelstürmer mit der Frisur eines Matadors, vollendete nach feinem Zuspiel von Jorge Mascarenhas zum 1:0. "Ich habe einfach reingezimmert", sagte Pacos später. "Wenn ich zu viel nachdenke, geht der Ball meistens zum Pförtner." Doch Bucaramanga ließ sich nicht lange bitten. Nur zwölf Minuten später - Minute 33 - war es Iker Allegri, der nach einem butterweichen Pass von Benyamin Fournier die Heimfans verstummen ließ. 1:1, und das völlig verdient. Allegri rannte jubelnd zur Eckfahne, schrie etwas in Richtung der Cucuta-Bank, das man lieber nicht abdruckt, und brachte damit kurzzeitig das Temperament auf dem Platz zum Kochen. Kurz vor der Pause erhielt Bucaramangas Rechtsverteidiger Lewis Young Gelb - wohl mehr aus Prinzip, denn der Schiedsrichter schien die aufkommende Hitzigkeit ahnen zu können. Direkt nach Wiederanpfiff, die 48. Minute lief, schlug Pacos erneut zu. Diesmal nach einer Flanke von Joan de Vivar, die so präzise war, als hätte jemand sie mit dem Lineal gezogen. 2:1 für Cucuta, und das Stadion bebte. Trainer Eckball brüllte etwas Unverständliches in Richtung seiner Bank - man vermutet, es war ein Lob. Dann die vielleicht kurioseste Szene des Abends: In der 57. Minute sah Cucutas Innenverteidiger Mario Pinto Gelb, während er noch über ein Foul diskutierte, das er gar nicht begangen haben will. "Ich schwöre, ich hab nur geguckt!", sagte er später lachend, während er sich die gelbe Karte signieren ließ. Doch Bucaramanga zeigte Moral. In der 62. Minute war Damiano Decollatura zur Stelle und wuchtete nach Vorarbeit von Ignacio Espinosa den Ball ins Netz - 2:2. Die Gäste, mit minimal mehr Ballbesitz (51 Prozent), wirkten plötzlich frischer. Ancelotti rief seinem Team zu: "Mehr Drama, weniger Denken!" - und bekam prompt beides. Aber Atletico Cucuta hatte das letzte Wort. In der 78. Minute krönte sich Jorge Mascarenhas zum Helden des Abends. Nach feinem Doppelpass mit Florian Van Royen schlenzte er den Ball aus 20 Metern in den Winkel. 3:2 - und die Zuschauer explodierten in Jubel. "Ich hab gesehen, dass Brent zu weit vorne stand", erklärte Mascarenhas später. "Oder ich hatte einfach Glück - sucht’s euch aus." Die Schlussphase war ein wilder Ritt: Gelbe Karten, wütende Trainer, verzweifelte Flanken. Bucaramanga wechselte noch einmal (Rafael Galindo kam für Fournier), Cucuta brachte frische Beine mit Pelayo und Stewart. Doch am Ergebnis änderte das nichts mehr. Statistisch war das Spiel völlig ausgeglichen: je zehn Torschüsse, fast identischer Ballbesitz (49 zu 51 Prozent). Nur in der Effizienz lag Cucuta vorne - und das reichte. "Manchmal gewinnt einfach der, der das letzte Lächeln hat", sagte Eckball beim Abpfiff, während Ancelotti ihm augenzwinkernd auf die Schulter klopfte: "Heute war’s deiner - aber das nächste Mal bring ich den besseren Wein mit." Und so endete ein Abend, an dem Fußball wieder einmal zeigte, warum wir ihn lieben: chaotisch, emotional, unberechenbar. In Cucuta werden sie noch lange von Pacos’ Doppelschlag sprechen - und irgendwo in Bucaramanga wird Iker Allegri heimlich den Pfosten verfluchen. Kurz gesagt: ein Spiel wie ein guter Espresso - kurz, stark, und mit einem Nachgeschmack, der lange bleibt. 23.02.643994 16:43 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer